Von Minna Becker

Wohl kaum eine Frage wird so oft ungläubig, verwundert, erstaunt an mich gestellt wie die, ob es denn überhaupt möglich sei, aus der unfertigen Schrift des Kindes Rückschlüsse auf seine Anlagen und Eigenschaften zu zielen. Die Einwände lauten etwa: Die Kinder lernen alle nach gleicher Schreibvorlage, infolgedessen kann ihre Schrift keinen individuellen Ausdruck haben; bei meinem Kind sieht die Schrift zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden aus und das Kind ist schreibtechnisch ungeübt.

Tatsächlich ergeben sich bei der Deutung von Kinderschriften besondere Probleme. Hinter meinem Bemühen, diese Schwierigkeiten zu meistern, stand das Verlangen, möglichst frühzeitig entscheidende charakterliche Anlagen des Kindes erkennen zu können. Denn als gerichtliche Schriftsachverständige konnte ich vielfach die Beobachtung machen, daß straffällig gewordene Personen nicht immer ausgesprochen kriminelle asoziale Charaktere sind. Die graphologische Beurteilung ihrer Schriften wies nicht selten auf wertvolle Eigenschaften und Begabungen hin, die es ihnen unter günstigeren Umständen wahrscheinlich ermöglicht haben würden, sich in geordneter Lebensbahn zu halten. Es war nur natürlich, zu fragen, wann und durch welche Erlebnisse der Betreffende zuerst aus der Bahn einer positiven Entwicklung geworfen sein könnte, wann und wodurch der entscheidende seelische Bruch eintrat, der zur charakterlichen Verbiegung führte.

Aus diesen Überlegungen heraus kam ich zum Studium der Schriften Jugendlicher und Kinder, im weiteren Verlauf auch zur Erforschung der Kritzeleien des Kleinkindes. Mögen diese „Kritzelschriften“ in ihrer Ungeformtheit zunächst für den Laien auch bedeutungslos und dadurch für den Graphologen nicht deutbar erscheinen, so lassen sich doch auf sie dieselben Ausdrucksgesetze anwenden, die für die voll entwickelte Handschrift des Erwachsenen gelten. Ein reichhaltiges Material liegt in Hunderten von Entwicklungsreihen vor, die von der Kritzelschrift des schreibunkundigen sechsjährigen Kindes bis zur Schulentlassung des Sechzehn- bis Siebzehnjährigen durchgeführt wurden. Die Prüfung läßt keinen Zweifel daran, daß der Kritzelschrift des Sechsjährigen schlüsselhafte Bedeutung für die Charakterbeurteilung zuzumessen ist. Sie bildet ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel, frühzeitig einen Eindruck von der charakterlichen Struktur des Kindes zu gewinnen. Das Ergebnis kann einsichtigen Eltern und Lehrern bei der Erziehung der Kinder den richtigen Weg weisen.