Die Frage, wieso die sonst im Schnüffeln so geübte Gestapo die Verschwörung des 20. Juli nicht vorher entdeckt habe, sei verfehlt –: so schreibt Walter Hagen („Die geheime Front“, Nibelungen-Verlag, Linz und Wien, 515 S.). Nach Seinem Bericht hatte die Gestapo Ende Juli 1944, wenn sie auch nicht den ganzen Umfang der Vorbereitungen erkannte, immerhin so viel Belastungsmaterial beisammen, daß nach allen Staats- und kriminalpolizeilichen Regeln zu Verhaftungen hätte geschritten werden müssen. Wenn dies so war, warum tat sie es nicht? – Es handelte sich um hochgestellte Persönlichkeiten, so sagt Walter Hagen, die weder der Gestapochef Müller noch der SD-Chef Kaltenbrunner auf eigene Verantwortung verhaften wollten. Deshalb habe die Gestapo von Himmler die Verhaftung Gördelers und des Generalobersten Beck verlangt. Dieser schriftliche Antrag sei trotz zweimaliger Rückfrage von Himmler nicht zurückgekommen.

Hagen schließt daraus, daß Himmler das Ergebnis des Putsches, von dessen Bevorstehen er unterrichtet war, zunächst einmal hätte abwarten wollen. Himmler habe 1943 durch seinen Stabschef, den SS-General Wolf, den zur Opposition gehörenden Rechtsanwalt Dr. Langbehn kennengelernt. und längere Zeit mit ihm in Verbindung gestanden. Langbehn habe ihn „in einer bei aller Vorsicht unmißverständlichen Sprache“ in die Absichten der Opposition eingeweiht und angedeutet, daß er ihn, nämlich Himmler, für den geeigneten Mann halte, „das deutsche Staatsschiff noch im letzten Augenblick auf einen neuen Kurs zu bringen und mit den Westmächten Frieden zu machen“. Langbehn habe dabei den Eindruck gewinnen müssen, daß Himmler ihm zustimme, da er nicht nur nichts gegen ihn unternahm, sondern ihm sogar eine Auslandsreise ermöglichte. Zwar wurde Langbehn bald darauf verhaftet (und im Oktober 1944 hingerichtet, ohne daß Himmler einen Finger für ihn rührte), doch habe Himmler, wie Hagen meint, auf Grund von Langbehns Erklärungen den 20. Juli nicht als gegen sich gerichtet aufgefaßt, sondern geglaubt, daß dem Putsch gegen Hitler ein Regime Himmler folgen werde. Falls dies zutrifft, so scheint er diese merkwürdig naive Anschauung auch in den letzten Kriegstagen noch gehabt zu haben. Nach Hagens Bericht nämlich hat er am 20. April 1945 mit einem der Leibärzte Hitlers, Dr. Stumpfegger, vereinbart, daß dieser Arzt Hitler durch eine Injektion töten solle. Das sei die Erklärung dafür, daß Himmler, der sich in den folgenden Tagen darum bemühte, die Kapitulation durchzuführen, um sich selbst an der Macht zu behaupten, am 23. April dem Grafen Bernadotte mit Sicherheit mitteilen konnte, Hitler werde nur mehr zwei oder drei Tage am Leben sein.

Ungefähr in dieser Weise bewegt sich das ganze Buch Hagens, zwischen politischer Berichterstattung und „Räuberpistole“, wobei man allerdings einräumen muß, daß sehr viele politische Affären in der Zeit des Dritten Reiches sich genau wie Räubergeschichten abspielten. Der Nibelungen-Verlag teilt über den Autor nur mit, daß er „eine hohe Position im deutschen Auslands-Geheimdienst eingenommen habe“. Und nach dem Inhalt seines Buches darf man ohne weiteres annehmen, daß diese Organisation der Reichssicherheitsdienst (SD) war, dessen Sympathien und Antipathien Hagen teilt, ganz besonders im Haß gegen das Auswärtige Amt, mit dem der SD seit 1940 eine erbitterte Auseinandersetzung hatte und das Kaltenbrunner nach dem Sturz Ribbentrops mit einem seiner Leute zu besetzen hoffte. Offenbar hat der Autor einige der Vorgänge, die er schildert, aus der Nähe miterlebt, besonders solche in den Südoststaaten. Andere dagegen stellt er offenbar nach dem Hörensagen dar, also auf Grund der Geschichten, die in den Büros von Kaltenbrunner und Schellenberg erzählt wurden.

Hagen bringt viele Details über Heydrich, „der für Ideologien nur höhnische Verachtung hatte“, insbesondere auch darüber, daß der Vater Heydrichs, ein Musiklehrer, Halbjude gewesen sei, was übrigens durch das Buch Abshagens über Canaris, den Chef des militärischen Geheimdienstes bis 1944, bereits bekannt geworden ist.

Bemerkenswerter als dies und als die ausführlichen Charakterskizzen der verschiedenen Amtschefs des SD ist der Bericht, den Hagen über die Affäre Tuchatschewski gibt. Danach habe Heydrich bereits 1936 durch den ehemaligen weißrussischen General Sköblin, der ein Doppelagent der Sowjets und der Deutschen gewesen sei, von dem Plan des mächtigen Sowjetgenerals Tuchatschewski erfahren, mit Hilfe der „Roten Armee“ Stalin zu stürzen und das bolschewistische Regime zu beseitigen. Heydrich habe darüber Weihnachten 1936 an Hitler und Himmler berichtet. Es hätten sich daraus zwei Chancen ergeben: entweder Tuchatschewski zu unterstützen oder ihn ans Messer zu liefern, um dadurch die sowjetische Militärmacht auf Jahre hinaus zu lähmen. Heydrich sei es gelungen, Hitler von der Richtigkeit des zweiten Weges zu überzeugen, der ihm unter Umständen die Möglichkeit geboten hätte, ebenso wie Stalin gegen Tuchatschewski und dessen Mitarbeiter gegebenenfalls auch selbst gegen diejenigen deutschen Generale vorzugehen, die einst für die Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der „Roten Armee“ verantwortlich gewesen waren. Jedenfalls habe Heydrich im Keller des Gestapo-Gebäudes in der Prinz-Albrecht-Straße mit Hilfe von Fachleuten einen jahrelangen Briefwechsel Tuchatschewskis mit verschiedenen deutschen Generalen fälschen lassen. Der Dossier, der so zustande kam, habe nicht nur Briefe, sondern Dokumente aller Art, ja sogar Quittungen sowjetischer Generale enthalten; die Briefe der deutschen Persönlichkeiten an Tuchatschewski und seine Mitarbeiter waren in Durchschlägen beigefügt. Zuerst habe der SS-General Behrens (nach dem Kriege in Belgrad hingerichtet), der als einziger eingeweiht worden sei, versucht, den Dossier über den tschechischen Generalstab an Stalin zu leiten. Da dieser Weg sich aber als unsicher herausstellte, habe Heydrich schließlich eine Verbindung zur Sowjetbotschaft in Berlin in Anspruch genommen und dort das Material ganz offen angeboten. Als er feststellte, wie eilig es der NKWD-Chef Jeschow hatte, das Material zu bekommen, habe er sich einen „Spesenbeitrag“ von drei Millionen Rubel dafür zahlen lassen, bei dessen Verausgabung in der Sowjetunion später mehrere deutsche Agenten verhaftet wurden, weil die Russen die Noten offenbar kenntlich gemacht hatten. Diese Heydrichsche Teufelei hat prompt ihre Früchte getragen: Tuchatschewski und seine angeblichen Mitverschwörer wurden hingerichtet, viele sowjetische Offiziere eingesperrt, entlassen oder versetzt: In der „Roten Armee“ wurde eine umfangreiche Säuberung durchgeführt, von der sich Hitler eine langdauernde militärische Aktionsunfähigkeit der Sowjetunion versprach. – Diese Version über die Affäre Tuchatschewski steht neben verschiedenen anderen, denen zufolge die Sowjets das Material von ihrer eigenen Spionage im Berliner Luftwaffenministerium erhalten haben sollen; ohne Zweifel aber gibt sie das wieder, was in den gehobenen SD-Büros darüber geredet oder – vermutet wurde. H. A.