Das Minister-Komitee und die beratende Versammlung des Europa-Rates sind in Straßburg zusammengetreten, und zum ersten Male nehmen auch deutsche Vertreter an den Sitzungen teil. Man hat hierüber in der Bundesrepublik jubiliert, als sei ein Sieg gewonnen worden, man hat auch bereits in Bonn grundlegende Resolutionen gefaßt, die man in Straßburg vorlegen will, und schon sagt die Presse in triumphierendem Ton: „Ohne Deutschland geht es nicht!“

Das ist ein unüberlegtes und unerfreuliches Benehmen. Es zeigt, daß man bei uns für die politischen Maßstäbe immer noch kein Gefühl hat. Straßburg ist gewiß ein freundliches Symbol für ein langsam wachsendes Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der westeuropäischen Nationen. Mehr jedoch ist es im Augenblick keineswegs. Daß Englands Außenminister Bevin vorzeitig die Tagung verlassen hat, mag seiner schwankenden Gesundheit zuzuschreiben sein oder auch dem Ernst der internationalen Lage, aber es beweist zugleich, wie sehr der Europa-Rat nur am Rande der offiziellen englischen Politik existiert. Und dies ist von Anbeginn die Schwäche der gesamten Straßburger Konzeption gewesen.

In der Tat hat man sich denn auch mit diesem Europa-Plan unter den beteiligten Nationen nicht begnügt. Zwei andere Pakte sind abgeschlossen worden, die den Straßburger Rat erheblich beiseite gedrängt haben: Der Atlantik-Pakt und der Schuman-Plan. Der erste ist militärischer Natur – infolgedessen sind wir an ihm heute nicht beteiligt. Er steht noch in den Anfängen seiner Entwicklung. Der andere aber, der Schuman-Plan, in den wir sehr intensiv eingespannt sind, nähert sich seiner Vollendung. Während der augenblicklichen Session wird er dem Straßburger Gremium zur Beratung vorgelegt werden. Außenminister Schuman selbst wird seine Grundzüge erläutern.

Ob es allerdings möglich sein wird, durch die Verwirklichung dieses Planes der etwas bleichsüchtig gewordenen Straßburger Europa-Organisation neues Blut zuzuführen, bleibt abzuwarten.

C. D.