Von Robert Burla

Ein Mann, der im Jahre 1930 aus Nikolajewsk am Amur kam, sagte, in Moskau befragt, wie es dort oben jetzt sei: Wie soll ich das wissen? Meine Reise dauerte sechs Wochen und in sechs Wochen ändert sich dort alles.

Bertold Brecht.

Ihren Namen hat sie bis zur Stunde noch behalten. Alles andere, was einst der Straße „Unter den Linden“ das Gepräge gab, wird nach und nach beiseite geräumt.

Der Ostberliner hat sich inzwischen an die wöchentliche Denkmalsbeseitigung ebenso gewöhnt wie an die tägliche Straßenumbenennung. Er bleibt einen Augenblick stehen, wenn volkseigene Schneidbrenner Wilhelm I. in handliche Stücke tranchieren oder wenn der Kran das Reiterstandbild Friedrichs des Großen vom Postament hievt und auf den Asphalt legt. Aber ihn bringt das nicht mehr in Rage, sein Reservoir an Groll ist längst aufgebraucht, mit einem Achselzucken geht er seiner Wege.

Groll zu äußern würde ihm auch gar nicht gut bekommen, denn das Auge der Volkspolizei wacht mit besonderer Schärfe an solchen Plätzen der Traditionsbereinigungen, Wehe dem kaisertreuen Fotoamateur, der in letzter Minute mit seiner geretteten Agfa-Box ein Andenken einzufangen versucht, zumindest sein Apparat ist sehr gefährdet. Dennoch muß er nicht alle Hoffnung fahren lassen: Auch Zar Peter der Große, die Fürsten Suwurow und Kutusow, anerkannte Spezialisten in der Niederschlagung proletarischer Aufstände, waren nur vorübergehend verdammt. Nach der großen Reinigung von 1934 und der Liquidierung des ersten Sowjethistorikers Pokrowsky zogen sie wieder als Helden ein in die Schulfibeln der kleinen Sowjetbürger und stiegen zurück auf die verwaisten Denkmalssockel.

Am Eingang zur S-Bahnstation „Unter den Linden“ brach am 9. September vor zwei Jahren ein 15jähriger Junge unter den Pistolenschüssen der Volkspolizei zusammen. Seine Freunde schleppten ihn hinter den schützenden Nordflügel des Adlon-Hotels, in dem die Dichter Brecht und Zweig zu wohnen pflegen, und von dort aus, nach kurzer Atempause, in einem letzten, verzweifelten Sprung über den Pariser Platz, durch das Brandenburger Tor in den Westsektor. Der Junge starb noch am gleichen Abend, und noch am gleichen Abend wurde die heruntergerissene Sowjetfahne wieder über der Quadriga gehißt. Sie weht heute noch, aber die Quadriga verschwand, und ein Ausschuß berät zur Zeit, was an ihrer Stelle künftig das Brandenburger Tor krönen soll.