Von H. Block

Im Reichswald nahe der deutsch-holländischen Grenze haben sehr verschieden geartete Siedler sich zusammengefunden zu einem gemeinsamen Werk. Es sind Ostvertriebene und rheinische Bauernsöhne, die sich hier eine neue Existenz schaffen wollen. „Eine neue Heimat“ – so lautet der Wunsch der aus dem Osten vertriebenen Bauern. „Wir wollen dem Schicksal des .Öhm’ entgehen!“, so sagen die Einheimischen und meinen das manchmal so bittere Los des unverheirateten Onkels auf dem Hof des Erben, das Schicksal des Verwandten und – oft unbezahlten – Arbeiters.

Drei Dörfer entstehen im Reichswald. Noch so jung sind diese Dörfer, daß sie nicht einmal Namen haben. „A-Dorf“ heißt das eine, „B-Dorf“ und „C-Dorf“ heißen die anderen. Das riecht nach Schreibstubenluft und erinnert an Schießvorschriften und Exerzierreglement. Immerhin will ein unbestätigtes, aber immer wieder auftauchendes Gerücht wissen, daß zwei der Buchstabendörfer, nämlich B- und C-Dorf, später unter dem Namen Lübkendorf zusammengefaßt werden sollen, um die Verdienste des nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministers Lübke zu ehren, die er sich um dieses Siedlungswerk erworben hat. Tatsächlich würden die beiden Dörfer, die gemeinsam eine Fläche von 937 ha umfassen, gut zueinander passen, schon deshalb, weil ihre Siedler einheitlich katholischen Glaubens sind, während im „A-Dorf“ die Protestanten in der Mehrzahl sind. Die gesamte Drei-Dörfer-Siedlung umfaßt 51 „Vollbauernstellen“ mit durchschnittlich je 15 Hektar, ferner 25 „Einspännerstellen“ mit je acht Hektar und 53 „Gärtnerstellen“ mit durchschnittlich je dreieinhalb Hektar. Es gibt schließlich auch noch 73 „Nebenerwerbsstellen“, die eine Größe von einem oder eineinhalbem Hektar haben. Dazu kommen noch 71 „Anliegersiedilungen“ von je einem halben bis zu einem Hektar und 80 „Kleinsiedlerstellen“, die nicht einmal ein Viertel Hektar haben. Zum Vergleich sei angeführt, daß die umliegenden niederrheinischen Bauernhöfe durchschnittlich 25 bis 30 Hektar groß sind.

Das überwiegend protestantische A-Dorf lehnt sich mit seiner Gesamtfläche von 778 Hektar und mit 22 „Vollbauernstellen“ an Pfalzdorf an, ein altes Dorf, das protestantische Pfälzer zur Zeit Friedrichs des Großen gegründet haben, ein originelles Dorf insoweit, als die Pfalzdorfer, anstatt Rheinisch zu sprechen, ihre ursprüngliche Mundart beibehielten. Daß viele katholische niederrheinische Bauern nicht sehr erfreut darüber waren, in ihrem Reichswald eine beinahe geschlossen protestantische Siedlung zu sehen, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Seit Jahrhunderten das protestantische Pfalzdorf und jetzt noch A-Dorf, auch protestantisch!

Da es Vorbedingung ist, daß alle Siedler verheiratet sind und möglichst schon Kinder haben, die mitarbeiten können, da andererseits aber die Schulbauten, je eine Schule für A- und BC-Dorf, erst im nächsten Bauabschnitt errichtet wenden können, hat man mit dem Bau einer Notschule, einer Baracken-Schule, begonnen. Eine protestantische Kirche ist für A-Dorf, und eine gemeinsame katholische für B- und C-Dorf vorgesehen.

Die Preise für das Land, das durch jährliche Abzahlungen erworben wird, liegen noch nicht fest. Der Gebäudepreis stellt sich bei „Vollbauernhöfen“ auf 20 000 DM, bei den „Einspännerstellen“ auf 18 000 DM und bei den „Gärtnerstellen“ auf 15 000 DM. Die Siedler haben zehn Prozent der Bausumme angezahlt, die Abzahlung wird erst nach dem vierten Jahre beginnen. Man spricht von „Schonjahren“, und das ist ein guter Ausdruck. Bei ihrer Ankunft haben die Siedler Flächen vorgefunden, die durch die Hilfe der Siedlungsgesellschaft schon eingesät waren. Die Kartoffeln pflanzten sie selbst und fanden, daß der gerodete Waldboden für den Kartoffelanbau besonders geeignet sei. Vom zweiten Jahr an rechnet die Siedlungsgesellschaft mit einem Normalertrag.

Dies sind die Verhältnisse, die die Reichswald-Siedler vorfanden; man müßte nun von den Menschen selbst sprechen, von den Ostvertriebenen, die zwei Drittel der Siedler stellen und von denen jeder sein eigenes Schicksal hat! Gemeinsam ist ihnen der fast verbissene Wille, wieder eine bäuerliche Existenz zu gründen, auch Wenn sie verglichen mit der im Osten vergehen – noch so klein ist. Da ist ein Baron, der im Osten ebenso viele Hektar bewirtschaftete, wie sie heute dem ganzen A-Dorf mit seinen 61 Siedlerstellen zur Verfügung stehen. Er arbeitet mit seiner Familie auf 15 Morgen. Ein anderer sitzt auf 60 Morgen und war früher ein kleiner König in Schlesien. Mancher ehemalige Großgrundbesitzer ist dabei, der froh ist, auf einer Nebenerwerbsstelle zu leben und einen Nebenerwerb als Bau- oder Rodearbeiter zu finden. Wenn auch im Anfang Stimmen laut würden, „große Besitzer“ gehörten nicht in den Reichswald, so ist in fast allen Fällen die frühere Ablehnung in Achtung umgeschlagen.