Die diffizile Arbeit der wissenschaftlichen Graphologie und ihre enge Verbindung mit der Psychologie und selbst mit der Medizin wurden in der vorigen Ausgabe der „Zeit“ an der Forschungsmethode des Dozenten für Graphologie an der Univeisität Hamburg (der einzigen Hochschule der Welt, die einen solchen Lehrstuhl besitzt) Professor Rudolf Pophal gezeigt. Die Schwierigkeiten, mit denen der Graphologe bei der Ausübung seines Berufes rechnen muß, behandelte der Artikel „Warnungstafeln für die Praxis“. Mit den folgenden Betrachtungen über die Deutung der Schrift selbst, wobei besonders die Ergebnisse der Hamburger Kindergraphologin Minna Becker Beachtung verdienen, schließt die Artikelreihe.

Von Rolf Reißmann

Als das breite Publikum die Graphologie noch für Humbug oder mindestens für eine schräge Wissenschaft hielt – das sind so etwa dreißig Jahre her –, zankten sich bereits innerhalb der Graphologie die führenden Leute. Und das mit Recht. Denn die Graphologen bildeten recht eigentlich die Vorhut all der charakterologischen Streitkräfte, die hinter ihnen schon aufmarschiert waren; sie gerieten als erste in die Schußlinie der Fachleute; und dabei konnten sie sich in ihren eigenen Reihen über die Marschroute der Deutungswissenschaften nicht einig sein. Sie waren den damaligen Schulwissenschaftlern nicht exakt genug. Man hätte es so gern gesehen, wenn jemand von ihnen ein Taschenbuch herausgegeben hätte, mit zweitausend oder dreitausend Häkchen und Zeichen darin, so daß man bei jedem individuellen U-Bogen gleich hätte nachsehen und sagen können: „Aha! Unzuverlässigkeit! Sieh da! Kindesliebe!“ Also eine Art seelenkriminalistischen Zeichenkodex.

Man sah damals noch gar nicht scharf genug, daß sich das ebenso bunte wie pompöse Album menschlicher Eigenschaften längst ins Nichts aufgelöst hatte. Noch Gall hatte in seiner Schädellehre den Kopf in Felder aufgeteilt, von denen eines „idealer Sinn“ hieß, ein anderes „Ruhmsucht“, andere „Ehrfurcht“, „Geist“ oder „Liebe“. Diese Eigenschaften waren wahllos dem Vokabular des täglichen Lebens entnommen und haben nicht den geringsten charakterologischen Wert. Denn was ist „Wohlwollen“, ein Feld des Mittelhauptes? Aus was für Seelengründen erwächst dieses bürgerliche „Wohlwollen“, aus menschlicher Milde, freundlicher sozialer Stellung, guter Verdauung? Wem gegenüber wird es geübt, und wie lange, und wodurch wird es begrenzt?

Mit der gleichen Nomenklatur – Eigenschaften in Tütchen gepackt – trat die Graphologie auf den Plan. Ganz gleiche Häkchen, von verschiedenen Schreibern geschrieben, konnten ganz Verschiedenes bedeuten, je nachdem, aus was für einem Gesamtschriftbild sie erwuchsen. Man konnte ihre Bedeutung nicht nachschlagen. Man mußte für die Analyse Tieferes einsetzen: die Intuition. Theodor Lessing hatte dafür ein genaueres Wort gefunden: die Mit-Ahmung dem Worte „Nach-Ahmung“ entsprechend gebildet. Wie ich die Bewegungen einer Katze „mitahme“, wenn ich das Tier verstehen will, oder den Schritt der Geliebten, oder die Fingerhaltung eines Christus – ganz dasselbe Vermögen der menschlichen Seele muß ich bei der Deutung eines individuell geschriebenen Buchstabens anwenden.

Während also sich die breite Öffentlichkeit noch darum stritt, ob man die Schriftdeutung überhaupt ernst nehmen sollte oder nicht, ging der innere Kampf der Graphologen darum, wie weit man dem intuitiven Erfassen Spielraum lassen durfte oder nicht. Robert Saudek und andere ‚präzise‘ Graphologen hatten vollkommen recht, wenn sie bestimmte Regeln festlegten, die sich durch prozentuale Richtigkeitsziffern erhärten ließen. Besonders als die gerichtliche Handschriftenvergleichung, zwar zögernd, aber immerhin ziemlich früh, den Graphologen exakte Aufgaben stellte, war man gezwungen, ein ganzes System von Merkmalen festzulegen, die zur Kontrolle und Identifizierung einer Schrift herangezogen werden konnten. Wir haben in der Gerichtsgraphologie Fälle erlebt, in denen ein Viertelmillimeter genügte, um einen Täter zu überführen.

Aber das war nicht das Anliegen der führenden Graphologen. Ihnen ging es gerade um die Deutung der Ganzheit einer Schrift. Denn der Mensch schrieb ja viel mehr als die Häkchen, Zeichen und Kurven! Graf Zeppelin führte in seiner persönlichen Unterschrift einen Schnörkel von rückwärts so über das ganze Wort, daß das genaue Abbild seines Luftschiffes entstand. Die Unterschriften vieler Flieger – so erkannte man mit Erstaunen – zeigten Tragflächen oder Mittelpropeller (am ausdrucksvollsten die von Blériot). Die Unterschrift des Afrikaforschers Frobenius glich vollkommen einem Palmwedel; Fußballer-Unterschriften geben die unruhigen Kurven der Bälle wieder, mit denen sich ihre Aufmerksamkeit beschäftigt. Die Notenschlüssel in Musikerschriften sind bekannt; aus der Handschrift eines Uhrmachers ließen sich die Formen von rund dreißig Instrumenten, Spiralfedern, Uhrteilen und Pinzetten herausfinden, mit denen er täglich umging!

Bilder über Bilder! „Morgen habe ich Probesingen“, schreibt eine Dame, die auf ein Engagement hofft: und das „P“ von „Probesingen“ schwingt sich in einer jubelnden Kurve auf, so daß es ganz aus dem Schriftbild fällt. „Gestern bin ich zum Arzt gegangen“ – und die Unterlängen der drei „g“ in „gegangen“ haben so unverhältnismäßig kurze Beinchen, daß man förmlich sieht, wie der Ärmste sich ängstlich hinschleppte. Diese beiden kleinen Beispiele zeigen etwas sehr Wichtiges. Der Sängerin rutschte vor lauter Begeisterung über das Probesingen sozusagen die Hand nach oben aus. Der arme Patient wollte möglichst Bewegung sparen für den unerwünschten Gang zum Arzt – auch noch nachträglich bei der Beschreibung des Weges. In beiden Fällen lag einetypische Ausdrucksbewegung vor; in beiden Fällen aber wurde diese Ausdrucksbewegung zur schriftlich festgehaltenen Spur, zum Bild. Hier wächst also der positive oder negative Impuls ohne weiteres ins Bild hinein.

Der Graphologe kann eine Handschrift sicher und umfassend deuten, ohne daß er den Inhalt zu lesen braucht. Er wird es, wenn er über den ersten Eindruck hinweg zu einer Betrachtung der einzelnen Buchstabenformen fortschreitet, zunächst überhaupt nicht tun. Die meisten Graphologen haben ihr Urteil schon ziemlich fertig, bevor sie den Inhalt lesen. Aber in einem bestimmten Zeitpunkt müssen oder sollen sie ihn lesen. Denn welche Wörter oder Sätze unbewußt .herausgestrichen“ oder „versteckt gehalten“ weiden, ist für die ergänzende Beurteilung oft ein Schlüssel, und zwar ein erlaubter. Dazu gehört auch eine sorgfältige Prüfung der Stellen, an denen sich der Schreiber verschrieben hat. Solche Wörter sind meist unlustbetont. Es braucht nicht immer so sinnvoll zu sein wie in jenem Beispiel, das mir vor einer Reihe von Jahren zu Gesicht kam, und in dem es hätte heißen sollen: „Was sich in New York weiterhin zugetragen hat, wird Ihre Gattin Ihnen ja berichtet haben“ – und durch Ausfallen eines einzigen Buchstabens dir Satz verwandelt war in „wird Ihre Gattin Ihnen ja beichtet haben“ – Eine schöne Leistung des Unbewußten!

Das Beispiel zeigt, daß der Graphologe von heute die ganze tiefenpsychologische Erfahrung der Gegenwart sich zunutze macht. Er geht von der Deutung eines I-Punktes zur Deutung des ganzen Wortbildes, er sucht in den individuellen Schreibformen nach Wunschbildern oder nach Bildformen des täglichen Lebens (wobei die sexuell betonten nicht mehr dieselbe bedeutende Rolle spielen wie früher), er geht über zur Kritik des Schriftbildes, der Betonung einzelner Wörter und der Fehlhandlungen, die dem Schreiber unterlaufen. So nur gewinnt er ein rundes Bild. Er klammert sich nicht an die sklavische Deutung einzelner (Buchstabenformen, sondern nutzt alles, was ihn an die Persönlichkeit des Schreibers heranführen kann.

So wäre also Schriftdeutung letztlich doch ein künstlerischer, ein intuitiver Vorgang? Gewiß. Aber wir müssen uns heute von dem Vorurteil freimachen, daß ein intuitives Erfassen ein unpräzises Erfassen sei. Dies eben war die Auffassung vor fünfzig Jahren, als man auf die Erfolge der exakten Naturwissenschaften blickend, der Graphologie die ebenbürtige Legitimation verweigern wollte. Inzwischen ist die Medizin zur Wertung intuitiver Methoden, und zwar in fast allen ihren Arbeitsbereichen, wieder zurückgekehrt. Die Rolle des Intuitiven in der Entwicklung der Physik der letzten fünfzig Jahre ist noch nie beschrieben worden. Als etwas verschämte, aber für die Zukunft unerhört fruchtbare Maxime hat man erkannt, daß Symbolbeziehungen, auch wenn man sie nicht rational ,erklären‘ kann, die wirklichen Tatbestände der Welt besser nachzeichnen, erschmiegen, mitahmen – oder wie man immer sagen will.

Zu den am leichtesten zu deutenden Symbolen, die der einzelne Mensch im Lauf seines Lebens anfertigt oder in die Welt setzt, gehört die Schrift. Mit kriminalistischer Genauigkeit wird der Schreiber in dem Augenblick festgenagelt, in dem seine persönliche Rhythmik, seine Ausdrucksbewegung, sich in objektive Kunde von ihm umsetzt. Die Schrift ist nichts so Persönliches wie der Pulsschlag, der Körpergeruch, der Blick, die Stimme. Sie ist aber auch nichts so Künstliches wie ein Werk, eine Leistung, ein Vortrag oder ein selbstgeschneidertes Kleid. Sondern sie steht genau an jener Nahtstelle, an der der innere Mensch nach außen tritt, an der seine noch ganz impulsive Ausdrucksbewegung zum Denkmal ihrer selbst gefriert. Und gerade darum läßt die graphologische Analyse den Blick nach beiden Seiten zu. Das Schriftbild kann gedeutet werden im Hinblick auf die Herkunft des Schreibaktes, im Hinblick auf Impuls, innere Rhythmik, Schwung oder Schwunglosigkeit, innere Kraft oder Müdigkeit, ja sogar im Hinblick auf das Intimste, auf sich ankündigende Krankheiten des Schreibenden; und das Schriftbild kann zweitens gedeutet werden im Hinblick auf Formenschatz und Formensprache, auf kulturelles Niveau und soziales Eingliederungsvermögen – also auf das Verhältnis dieses Organismus zu den Fakten der Außenwelt. Es erscheinen Symbole, die zu der körperlichen Sphäre des Schreibenden, und es erscheinen Symbole, die zu seiner höchsten geistigen Sphäre gehören. Im Schreibakt gleiten sie von der einen auf die andere Seite. Darum vermag uns ein Brief, vor allem ein alter Brief, so anzurühren. Neben dem für immer Geformten enthält er die einmalige Wärme des Augenblicks.