In seinem Hauptquartier in Südkorea hatte der Befehlshaber aller dort eingesetzten Heeresverbände, Generalleutnant Walton H. Walker, die Kriegsberichterstatter um sich versammelt. Der in beiden Weltkriegen bewährte Offizier, der unter seinen siebzehn Kriegsauszeichnungen auch den „Sowjet-Orden für das Vaterland“ besitzt, schilderte die Lage: „Es gibt keinen strategischen Rückzug auf einen engeren Kreis um Fusan, keinen Gedanken an Übergabe oder an eine Massenevakuierung, wie sie die Engländer 1940 in Dünkirchen durchführten. Offiziere und Männer der achten Armee müssen entweder siegen oder dort sterben, wo sie jetzt stehen. Und doch habe ich volles Vertrauen: der letzte Sieg wird uns gehören.“ Auf die Frage eines Berichterstatters, ob der Krieg ein kritisches Stadium erreicht habe, antwortete er freimütig: „Sicherlich, ganz entschieden!“ Das Kriegsministerium in Washington war über diese Offenheit erstaunt und veranlaßte den General, am nächsten Tage eine neue Erklärung an die Presse zu geben. Erneut versicherte er dabei, daß „der letzte Sieg uns gehören“ werde. Aber auch diesmal fügte er hinzu, daß „es unsinnig wäre, wenn man nicht die Binsenwahrheit sagen würde, daß der Krieg sein kritisches Stadium erreicht habe“.

Dieser Zwischenfall beleuchtet blitzartig die Tatsache, daß die Verantwortlichen im Pentagon zu Washington und die Männer der Front sehr verschiedener Ansicht über die Aufklärung der amerikanischen Öffentlichkeit im Falle des Korea-Krieges sind. Im Pentagon ist man bisher bestrebt gewesen, den Glauben im amerikanischen Volk zu erwecken, daß alles gut stehe, daß die Rückschläge nur geringfügiger Natur seien und daß alle Rückzüge nach einem vorher gefaßten Plan durchgeführt würden. Ganz anders ist die Auffassung der Frontsoldaten, die am treffendsten durch einen amerikanischem Kriegsberichter wiedergegeben wird, wenn er schreibt: Jeder G. I. und jeder Offizier, mit dem ich vorn in der Kampflinie und in den rückwärtigen Gebieten sprach, stellte nur eine einzige Frage an mich: „Sagen Sie den Leuten in der Heimat auch die Wahrheit? Sagen Sie ihnen, daß dieser Kampf zäh und hart ist und daß wir sofort mehr Hilfe erhalten müssen?“

Das alles geschah, als die Front sich in einer Länge von etwa 320 Kilometern Halbkreisförmig mit einem Radius von durchschnittlich 120 Kilometern um Fusan, von Chinju im Süden bis zum Hafen Yongdok im Norden, erstreckte. Inzwischen sind die drei amerikanischen Divisionen, die bisher im Kampf lagen, durch den Ansturm von neun nordkoreanischen Divisionen weiter nach Osten und Süden zurückgedrängt worden. Im Süden, wo die Reste der stark angeschlagenen 24. Division, verstärkt durch eiligst aus Okinawa herangeholte Einheiten, sich heldenmütig gegen die Angriffe der IV. und VI. nordkoreanischen Division zur Wehr setzten, ging mit Chinju der beste Flugplatz im Süden des Landes für die Amerikaner verloren, so daß die Front westlich von Masan schließlich nur vier Flugminuten von Fusan entfernt lag. Weiter nördlich baten Einheiten der II., III. und XV. nordkoreanischen Division im Nak-tong-Knie und im Oberlauf des Nak-tong ostwärts Sangju den Übergang über den Fluß erzwungen und standen wenige Kilometer vor Taegu, dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt des den Amerikanern verbliebenen Teiles von Südkorea. Von Norden her drückten die I., VIII., VII. und V. nordkoreanische Division auf die Verteidiger der amerikanischen 25. und der VI. und I. südkoreanischen Division; doch das Flankenfeuer amerikanischer, englischer, französischer, kanadischer und neuseeländischer Kriegsschiffe beherrschte nach wie vor die Küstenstraße bei Yongdok, so daß an diesem äußersten rechten Flügel der amerikanischen Front die Stellung gehalten werden konnte. Das Trümmerfeld der früheren Stadt Yongdok wurde sogar wiederbesetzt. Die letzten Nachrichten vom Kriegsschauplatz sprechen sogar von lokalen Offensiven der Amerikaner. Sie lassen also erkennen, da sich nun die amerikanischen Truppen tatsächlich festgebissen und damit das kritischste Stadium anscheinend überstanden haben.

Diese Entwicklung ist vor allem das Verdienst der Verstärkungen, auf die General Walker seine ganze Hoffnung setzte. In den beiden ersten Tagen des August landeten in Fusan zunächst die 1. Marineinfanterie-Division und kurz darauf die 2. Infanterie-Division. Ebenso traf eine regimentsstarke Kampfgruppe aus Hawai ein. Dadurch haben sich die Landstreitkräfte der Amerikaner zahlenmäßig verdoppelt. Wesentlicher scheint aber die bessere Bewaffnung der beiden Divisionen zu sein, die mit „General Pershing“-Panzern mit 9-Zentimeter-Kanonen und völlig neuen, nach dem zweiten Weltkrieg entwickelten Waffen ausgerüstet sein sollen. Weitere namhafte Verstärkungen der Amerikaner sind allerdings in nächster Zeit kaum zu erwarten.

Das als „Polizeiaktion der UNO“ gedachte Unternehmen gegen Nordkorea hat sich zu einem regulären Krieg entwickelt. Trotz aller Bemühungen des UNO-Generalsekretärs um Truppenunterstützungen durch andere Mitgliedstaaten führen die Vereinigten Staaten de facto allein den Kampf. Das State Department in Washington bewertet die politische Auswirkung dieser Tatsache auf die asiatischen Völker weit ernster als alle mit dem Krieg verbundenen Ausgaben, und Verluste. Denn von den asiatischen Mitgliedstaaten der UNO haben nur drei die Aufforderung, Truppen nach Korea zu entsenden, positiv beantwortet. Die Türkei erklärte sich bereit, 4500 Mann zu stellen. Thailand sagte – vorbehaltlich der Zustimmung des zur Zeit in der Schweiz lebenden Königs – eine Kampfgruppe von 4000 Mann zu. Ein Angebot Tschiangkaischeks von zwei Divisionen wurde von MacArthur mit der Begründung abgelehnt, die Truppen würden für die Verteidigung von Formosa benötigt. Tatsächlich dürfte aber für diese Ablehnung der Wunsch maßgebend gewesen sein, die durch einen Einsatz nationalchinesischer Truppen in Korea verstärkte Gefahr einer Kriegsausweitung jetzt unter allen Umständen zu vermelden, Die Regierung der Philippinen gab bekannt, daß aktive Truppen im Hinblick auf die allgemein gespannte Lage nicht zur Verfügung gestellt werden könnten, daß sie aber Freiwilligen, die im Rahmen der UNO-Streitkräfte in Korea kämpfen wollten, die erforderliche Genehmigung erteilen werde. – Der Aufmarsch der „Kleinen“ ist also nicht gerade verheißungsvoll. Und er wird völlig überschattet von der Ungewißheit, Welche Haltung die „Großen Drei“ in Asien – die Sowjetunion, Rot-China und Indien – schließlich einnehmen werden, Ernst Krüger