Märchen und Legenden sind der schönste Spiegel der Seele eines Volkes.“ Gelöst durch die seidig-samtne Luft eines Sommerabends 1947, sprach der jüngst verstorbene koreanische Dichter und Gelehrte Mirok Li diese Worte mit feierlicher Betonung. Und er erzählte mir – wir saßen zusammen vor seinem Haus in München-Gräfelfing – das koreanische Märchen von den beiden Sternenkindern.

„Kyonu und Tjiknyo, so hießen zwei junge Menschen, die einst zufrieden in ‚Tjoson‘ – ‚Land der Morgenfrische‘ nennen wir Koreaner unsere Heimat – vor langer, langer Zeit lebten. Sie waren tugendhaft und den Göttern ergeben. Eines Tages wurden sie beide, Kyonu, der naturhafte Jüngling aus den Bergen des Nordens, und Tjiknyo, das feine, kirschblütenzarte Mädchen von den unbeschwerten Küsten des Südens, in die Sterne versetzt. Dort bilden sie das Sternenpaar Kyonutjiknyo. Für euch sind es die Sterne Altair im Sternbild des Adlers und Wega in der Leier. Sie sahen einander dort oben, aber sie konnten sich nicht finden und treffen. Im Märchen des Westens liegt das Wasser zwischen den beiden Königskindern. Hier „war es die weite, unüberschreitbare ‚Unhasu‘, die Milchstraße, wie man hierzulande sagt. Doch das Leid der beiden ließ die Raben und Elstern Erbarmen haben; sie flogen auf gen Himmel – und so kommen sie jährlich einmal, den beidien zu helfen, am siebenten Tag des siebenten Mondmonats (das ist kurz vor der Mittedes August) und bilden eine lebende Brücke von Flügeln und Vogelleibern. Und immer wieder schreitet Tjiknyo auf Strohsandalen hinüber zu Kyonu – alle Jahre einmal. Dann fällt, aus dem überströmenden Glück beider aufschießend, heißer Tränenregen auf die Fluren ‚Tjosons‘.“

Wir traten ins Haus. Und bald waren wir bei dem Gespräch, das so nahe lag: der verhängnisvollen Teilung unserer beider Länder. Mirok Li sprach vom Einbruch moderner Zivilisation in das uralte Kulturland Korea.

„Wir müssen für all das Neue, das auf uns einbricht, neue Begriffe und Worte formen: Demokratie – Mindsu-dsui, Diktatur – Dsöndsedsui.’.. Im Norden ruft man: Moskwa Manse – Heil Moskau! Im Süden aber heißt es: Mindsu-dsui rul midum! – Ich glaube an die Demokratie ... Aber im Grunde genommen ist es gleich, ob man nun ein ‚Taihan djeguk‘ – ein Kaiserreich Korea, eine ‚Koryo Mindsuguk‘ – einen koreanischen Freistaat, oder eine ‚Sahoigongsan Koryoguk‘ – eine sozialistische Sowjetrepublik Korea ersehnt – wir wollen nur Koreaner sein. ‚Dsayu‘ – Freiheit – war immer das von uns so heiß ersehnte politische Ziel. Wir sind Ostasiens Deutschland.“

Dann standen wir wieder draußen. Kyonu und Tjiknyo leuchteten. Zwischen ihnen war immer noch die Milchstraße. Walter Leiter