Erzählung von Josef Martin Bauer

Im Straßengraben, wo sie für die Nacht Quartier genommen hatten, ohne Frühstück selbstverständlich, denn das pflegt die Übernachtungen erst zu verteuern, erwachten zeitig am Morgen die Landstreicher Tim und Fidelis und nahmen fürs erste nach alter Gewohnheit die Zeit. Da keiner der beiden eine Uhr sein eigen nannte, ging das Zeitnehmen in der Weise vor sich, daß jeder einen halbfingerlangen Strohhalm zwischen Ringfinger und kleinen Finger steckte, die Finger der beiden Hände flach nebeneinander legte und aus der Länge des Strohhalmschattens die Stunde ablas,

„Halb sieben“ konstatierte Tim, während Fidelis, denn er hatte wesentlich schlankere Finger, die Zeit mit acht Uhr ablas. „Dann dürfte es an der Zeit sein, in die Stadt zu gehen und das Tagwerk zu beginnen“, knurrte Timotheus, denn sie waren noch nie über die unterschiedliche Zeit ins Zanken gekommen. Bei ihrem Beruf nämlich war es völlig gleichgültig, ob die Zeit nun halb sieben oder acht Uhr war, zumal sie an trüben und regnerischen Tagen gar keine Möglichkeit besaßen, die Zeit zu nehmen.

Als sie aus dem Straßengraben in die Gegend visierten, konnten sie feststellen, daß es nicht weit zur Stadt war. Sie schüttelten Staub und Halme aus den Kleidern und gingen in die Stadt, wo sie nach dem Rathaus fragten, um sich im Fürsorgeamt einen Bon für Essen und Übernachten geben zu lassen. Sie hatten einige Übung im Einschätzen der Größe einer Stadt und taxierten diese auf rund vierzigtausend Einwohner, also immerhin ansehnlich und gut organisiert, so daß sie mit der bereitwilligen Hergabe der Bons rechnen zu dürfen. glaubten, die sie jedoch mit etwas Hausbettel noch fühlbar zu ergänzen gedachten, obgleich dies verboten war.

Um in ihrem Tagesprogramm dann nicht mehr behindert zu sein, gingen sie ins Rathaus, nach dem Fürsorgeamt zu suchen, und entboten den mit Scheuerlappen werkenden Putzfrauen weder allzu barsch noch besonders duldsam ihren Gruß zum guten Morgen. Aus den für einen Rathausmorgen typischen Nebenerscheinungen schlußfolgerten sie ganz richtig, daß ihrer beider Uhren falsch angezeigt hatten, und da sie das Fürsorgeamt geschlossen, das Amtszimmer des Bürgermeisters aber offen vorfanden, schritten sie an den etwas verdutzten Putzfrauen vorbei ins Bürgermeisterzimmer und verfügten sich in schöne, hochlehnige Stühle, die sie an den Schreibtisch heranschoben, um sich dann dem gelangweilten Studium der von gestern noch aufliegenden Akten zu widmen.

Schräg durch das ziemlich gotische Fenster kam die Sonne herein, und Tim, der sich für Akten weniger interessierte, versuchte mit einem zwischen die Finger gesteckten Bleistiftstummel neuerdings die Zeit zu nehmen. Weil das Ergebnis ziemlich kurios war, denn diese Uhr zeigte jetzt noch weniger Tageszeit an als vor einer Stunde im Straßengraben, nahm auch Fidelis eine vergleichende Messung vor mit ebenfalls einem Bleistiftstummel, so daß sie beide in der Andacht ihrer Arbeit kaum davon Notiz nahmen, wie ein Mann von schätzungsweise fünfzig Jahren den Raum betrat, zuerst mit einem Scharren der Füße sich Aufmerksamkeit verschaffen wollte und dann vernehmlich hüstelte, bis die Landstreicher von ihrem Tun aufblickten.

„Wer sind Sie?“ fragte Tim, und es war sicherlich nicht seine Schuld, daß die Frage durch das amtliche Milieu des Bürgermeisterzimmers einen amtlichen Beiton bekam.