Auf Antrag des Senators MacCarran hat der amerikanische Senat mit 65 gegen 15 Stimmen beschlossen, Spanien eine Anleihe von 100 Millionen Dollar zu gewähren. Das ist seit Jahren die erste positive Geste, die Amerika diesem Lande gegenüber gemacht hat. Noch im April war der gleiche Antrag desselben Senators mit 42 gegen 35 Stimmen abgelehnt worden. Vielleicht also darf man jetzt die Hoffnung hegen, daß die Erfahrungen der Nachkriegszeit, die in den letzten Monaten jedem augenfällig deutlich wurden, die Amerikaner zu einer grundsätzlichen Überprüfung ihrer politischen Konzeption veranlassen werden.

Bisher schien der amerikanische Begriff von Politik durch Schwarz-Weiß-Aspekte bestimmt. Man teilt die Völker ein in gute und schlechte Nationen, in fortschrittliche und reaktionäre. Diese Alternativ–Wertung mag die negative Kehrseite des starken und sehr positiven moralischen Bewußtseins der Amerikaner sein. Politik aber ist dann nicht mehr die Kunst des Möglichen, sondern ist angewandte Pädagogik, ist der Glaube an die Allmacht der Erziehung, ist gewissermaßen äußere Mission. Wie jedes schematisch kollektive Urteil beruht dieses Alternativ-Denken auf einem Irrtum und hat in der vielschichtigen Wirklichkeit des politischen Weltgeschehens eine heillose Verwirrung angestiftet,

Es begann damit, daß die Erkenntnis der Dämonie des Hitler-Regimes zu der Alternativschlußfolgerung führte: jeder, der dagegen ist, sei gut. So hatte man auch nichts gegen den Kommunismus .einzuwenden und empfand die UdSSR durchaus als brüderlichen Verbündeten, Ja, man verlangte sogar von Tschiangkaischek, er solle sich mit der kommunistischen Front im eigenen Land versöhnen, wenn er in Zukunft auf weitere amerikanische Unterstützung Wert lege. Als es sich noch darum handelte, das totalitäre System in Japan zu zerschlagen, wurde China in Kairo die Insel Formosa zugesprochen. Man nahm den bösen Buben ein Stück Kuchen weg und gab es dem guten Tschiang. Inzwischen hat sich nun herausgestellt, daß dieser keineswegs so artig war, wie man dachte, und heute wäre man glücklich, wenn man es ihm wieder wegnehmen und es den unter MacArthurs pädagogischer Aufsieht stehenden Japanern zurückgeben könnte.

Die ganze heutige Situation in Ostasien basiert im Grunde auf dieser moralistischen Politik des unter amerikanischem Einfluß stehenden Westens. Im ganzen Osten hat man während des Krieges die meist kommunistischen Untergrundbewegungen, die gegen die Regierungen ihrer von den Japanern besetzten Länder kämpften, unterstützt und mit Waffen versorgt. So wurde 1945, nach dem Zusammenbruch der Japaner, in Indochina König Bao Dai als "Kollaborateur und Faschist" abgesetzt und des Landes verwiesen. Als dann folgerichtigerweise der Kommunist Ho Chi Minh die Oberhand gewann, hat man nach unendlichen (Blut- und Kapitalverlusten vier Jahre später Bao Dai wieder eingesetzt, der nun natürlich dort als Puppe der Franzosen bezeichnet und nicht mehr ernst genommen wird. – Es scheint ein merkwürdiger Widersinn, daß eine politische Konzeption, die auf Moralkategorien basiert, so viel Unordnung gestiftet hat, während Bismarck, der heute gern als amoralischer Machtpolitiker charakterisiert wird, mit seinem Bemühen, stets einen Modus vivendi zu finden und nicht in Alternativen zu denken, die Grundlage für die längste Friedensperiode gelegt hat, die es in der deutschen Geschichte je gegeben hat.

In dieses politische Schwarz-Weiß-Gemälde westlicher Vorstellung paßt der Fall Spanien nicht recht hinein. Das Franco-System, das 1939 siegreich aus dem Bürgerkrieg als autoritärer Staat hervorging, war von jeher leidenschaftlich antikommunistisch, aber zu einer Zeit, da das noch nicht Trumpf war. Es bekam daher nicht das schmückende Epitheton: antikommunistisch, sondern wurde wegen seiner Analogie zum hitlerschen und mussolinischen Regime in die Kategorie faschistisch eingeordnet. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß Franco seine autoritären "Kollegen" nie unterstützt und ihnen mit seiner Neutralität manchen Ärger bereitet hatte. Wie der Dolmetscher Schmidt in seinem Buch berichtet, hat Hitler nach jener einzigen Zusammenkunft, die er mit Franco 1940 hatte, diesen stets nur als den undankbaren Feigling bezeichnet, während der Außenminister Serrano Suner, ein Schwager Francos, gewöhnlich mit dem Beinamen "der Jesuit" bedacht wurde.

Gewiß kann man gegen Franco den Vorwurf erheben, daß er die verfassungsmäßige Regierung seines Landes in einem Bürgerkrieg überwältigte und ein undemokratisches, autoritäres System an ihre Stelle setzte. Aber der gleiche Tatbestand hat Großbritannien nicht gehindert, die Regierung Mao Tse Tungs anzuerkennen. Außerdem hätte man einen diplomatischen Boykott Nationalspaniens logischerweise gleich nach dessen Entstehen erwarten dürfen und nicht erst sieben Jahre später. Damals aber haben die Engländer noch während des Bürgerkrieges, als sich der Sieg Francos deutlicher abzuzeichnen begann, Vertreter nach Spanien entsandt, und Frankreich ernannte noch vor der Kapitulation von Madrid Pétain zum ersten Botschafter bei der neuen Regierung in Burgos.

Nun könnte man, wie schon erwähnt, meinen, daß der Beschluß des amerikanischen Senats, Franco eine Anleihe zu gewähren, eine Anpassung der heutigen Politik an die veränderte Situation darstellt. Aber einstweilen’stößt die Entschließung, die noch vom Repräsentantenhaus gebilligt werden muß, auf zahlreiche Proteste. Die New York Times schreiben, der Senat etze sich mit seinem Beschluß in Widerspruch zu der öffentlichen Meinung der demokratischen Welt, die das Franco-System fast allgemein verurteile. Truman hat sich gegen den Antrag ausgesprochen und Acheson desgleichen, mit der Begründung, das State Department habe In den letzten Monaten mit seinen Bemühungen, Spanien zur Einführung einer demokratischen Regierungsform zu bewegen, keinen Erfolg gehabt.