Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G. London, im August

Attlees mit unpathetischem Ernst ausgesprochene Warnung, man müsse vor dem inneren Feind auf der Hut sein, hat in England großes Aufsehen erregt. Seine Mahnung an die Gewerkschaften und an andere, daß der Kampf sich nicht nur gegen physische, sondern auch gegen böse geistige Kräfte richten müsse, hat bei vielen Engländern die Frage ausgelöst: „Wo eigentlich steht der innere Feind?“

Vor kurzem erst fand die Serie von Sabotageversuchen in der britischen Flotte – seit Dezember 1948 mindestens zehn an der Zahl – ihren Höhepunkt in dem „mit wissenschaftlicher Genauigkeit“ vorbereiteten Feuer auf den mit Wasserbomben für den Fernen Osten beladenen Munitionsleichtern in Portsmouth. Nur besonders glücklichen Umständen ist es zu verdanken, daß die schweren Brände und Explosionen keine Menschenleben gefordert haben. Die Bereitschaft des inneren Feindes, Menschenleben aufs Spiel zu setzen, steht nun auch für die Briten außer Zweifel.

Zugleich mit den Saboteuren in der britischen Flotte hat Attlee auch die Saboteure unter den britischen Arbeitern angeprangert: Nach mehreren Jahren vorsichtiger amtlicher Zurückhaltung vor oft überwältigend eindeutigem Beweismaterial hat die Labour-Regierung seit dem letzten Londoner Hafenarbeiterstreik und den verschiedenen Arbeitsstörungen auf dem Londoner Schlachthof die bewußte Anzettelung dieser Streiks durch den inneren Feind als „an Gewißheit grenzende Wahrscheinlichkeit“ hingestellt. Die Sorge, daß auch andere Wirtschaftszweige und andere Gewerkschaften, insbesondere die stark kommunistisch durchsetzten Gewerkschaften der Bergarbeiter und der Techniker, Objekte feindlicher Störungsversuche gegen die englische Aufrüstung werden könnten, dürfte die Regierung in dieser so lange aufgeschobenen Anprangerung bestärkt haben.

Mißbrauch mit dem Friedenswillen der Briten zu treiben, ist ein anderes Aktionsprogramm des inneren Feindes. Der Engländer, der von den Kreuzzüglern bis zu den Suffragetten und Völkerbundsfreunden stets bereit war, Stimme oder Unterschrift für „eine gute Sache“ herzugeben, wird von dunklen Elementen (die den ehrlich pazifistischen Gruppen in England manchen Abbruch tun) um seine Unterschrift „gegen die Atombombe“ oder noch allgemeiner „für den Frieden“ angegangen. Nicht nur so eindeutige Erscheinungen wie Ilja Ehrenburg werden dazu vorübergehend importiert; man bedient sich auch völlig unverdächtiger Sammler, alter Damen und junger Schulkinder, die noch niemals bewußt einen Kommunisten erlebt haben. Unbewußt erleben allerdings viele englische Schulkinder Kommunisten und deren Gefolgsleute: Man schätzt die Zahl der kommunistisch eingestellten Lehrer in England auf zweitausend; die Mehrzahl von ihnen ist in Londoner Schulen tätig.

Unter den Pfarrern hat der innere Feind nicht so imposante Zahlen aufzuweisen, trotz der hervorstechenden Einzelerscheinung des „Roten Dekans von Canterbury“, des unermüdlichen und – zum Leidwesen seines übergeordneten, jedoch nicht „vorgesetzten“ Erzbischofs von Canterbury – unabsetzbaren Hewlett Johnson, der kaum einen internationalen Schaukongreß hinter dem Eisernen Vorhang verpaßt und der doch immer noch nicht sehen gelernt hat.