Der Salzburger Sender hatte einige an den Festspielen beteiligte bekannte Musiker zu einem Nachtgespräch über die Problematik des Hörens und Verstehens neuer Musik eingeladen. Ein guter Gedanke, der nur leider von einer falschen Voraussetzung ausging. Von der Voraussetzung nämlich, es könne einen Komponisten geben, der sein eigenes Schaffen für problematisch hielte und nicht Mißbilligung mit Unverständnis, Unverständnis mit notorischer Böswilligkeit oder gar grundsätzlicher Amoralität identifizierte. Die Irrigkeit dieser Voraussetzung der Arrangeure wurde denn auch von dem temperamentvollsten der geladenen Gesprächspartner in drastischer Weise bloßgelegt. Boris Blacher blieb es vorbehalten, den lapidaren Satz in den Äther zu senden: „Die Kritiker gehen ins Konzert weder um zu erleben, noch um zu hören, sondern um am nächsten Tag das Zeilenhonorar an der Kasse abzuheben.“

Boris Blacher ist einer der geistvollsten, wenn auch nicht wählerischsten Komponisten unserer Zeit. Während des dritten Reichs ging es ihm nicht gut, weil er erstens „entartet“ war, zweitens als „Viertelsjude“ galt. Es reichte indessen alles in allem nicht zu einem strikten Verbot seiner Werke. (Er wurde vielmehr „nur“ als „unerwünscht“ bezeichnet. Das bedeutet, daß jeder Intendant, Dirigent oder sonstige Interpret darüber unterrichtet wurde, er mache sich sehr unbeliebt und gefährde seine Karriere, wenn er Blacher trotzdem aufführe. Angesichts der sprichwörtlichen deutschen Zivilcourage kann man sich das Resultat solcher Unerwünschtheitserklärung vorstellen. Dennoch hatte hin und wieder ein Dirigent den Heldenmut, ein Stück von Blacher zu wagen. Besonders Fritz Lehmann, der sogar die abendfüllende Oper „Fürstin Tarakanowa“ in Wuppertal herausbrachte. Solche Wagnisse waren jedoch nur dadurch möglich, daß auch einige Kritiker die geheime Sprachregelung ignorierten und den Veranstaltern den Rücken stärkten. Mehr als einmal kamen sie dadurch in eine Lage, die es fraglich machte, ob sie am nächsten Tag noch das Zeilenhonorar an der Kasse abheben könnten. Sie ließen sich aber dadurch nicht einschüchtern. Hätten sie es getan, so hätten sie freier von Angst und Herr Blacher noch freier von Aufführungen leben können. Mit der Courage der Interpreten wäre es angesichts einer ausnahmslos „richtig liegenden“ Presse schnell endgültig aus gewesen.

Sollten nun aber Blachers geflügeltes Wort und die daraus sprechende honorige Einschätzung der Kritikerschaft etwa auf verbitternden Erfahrungen nach 1945 beruhen, so müßte ihm das zu denken geben, da seitdem allem Zeitgenössischen und Neuen bekanntlich eher ein Übermaß von grundsätzlicher Wohlmeinung vorgeschossen als zu scharfe Kritik entgegengehalten wird. Überdies werden „schlechte“ Kritiken nicht höher honoriert als „gute“ ... A-th