Die Existenzbedrohung weiter Gebiete unserer Forschung durch die materielle Not war das dominierende Problem, das die Arbeitstagung der deutschen Wissenschaftler und ihrer Förderer in Bonn beherrschte. Daß es hier um eine Lebensfrage der Nation geht, wurde in dem propagandistisch überspitzten Satz zum Ausdruck gebracht; die Wissenschaft von heute sei die Technik und der Export von morgen; eine Formulierung, die man gewiß mit „leichtem Unbehagen“ zur Kenntnis nimmt (um ein Wort des Bundespräsidenten zu gebrauchen), denn eine von vornherein zweckbestimmte, so sehr auf die mögliche Nutzanwendung gerichtete Forschung wäre ihren innersten Triebkräften entfremdet. Aber das Ingenium allein, so sehr es auch die großen Wendepunkte der Forschung aufspürt, kann den weiten Weg vom Einfall bis zur Verwirklichung nur selten zurücklegen. In der Regel bedarf es einer langen, kostspieligen Versuchskette, um gewonnene Einsichten praktisch auszuwerten. Vergleicht man aber die Mittel, die dazu bei uns und in anderen Ländern zur Verfügung stehen, dann versteht man die Besorgnis, die so viele Sprecher der Bonner Tagung zum Ausdruck brachten. Nicht nur, daß es an Apparaten, Büchern, Räumen fehlt, auch die finanziellen Mittel selbst für die bescheidenste wirtschaftliche Existenz sind meistens nicht vorhanden, so daß viele begabte junge Forscher entmutigt und von ihrer Aufgabe abgebracht werden. Dem steht auf der anderen Seite ein die vorhandenen Berufschancen weit übersteigender Andrang zum Hochschulstudium gegenüber, den man nun durch stärkere Anforderungen bei den Prüfungen einzudämmen versuchen will.

Breiten Raum nahm bei den Beratungen auch die Frage ein, wie man einen Teil der emigrierten Forscher wieder für die Arbeit in Deutschland zurückgewinnen könnte, und wie die Fähigkeiten und Erfahrungen wenigstens der bedeutendsten Professoren von den nicht mehr bestehenden Hochschulen des Ostens der „Substanz der deutschen Wissenschaftlichkeit“ erhalten bleiben könnten.

Die materielle Förderung der Forschung hat sich der „Stifterverband für die deutsche Wissenschaft“ zur Aufgabe gemacht, der im vorigen Herbst gegründet wurde. Er arbeitet eng mit der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ zusammen, der die wissenschaftlichen Hochschulen, die Akademien der Wissenschaften in Göttingen, Heidelberg und München, die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (die frühere Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) und der Deutsche Verband technischer wissenschaftlicher Vereine angehören. Die „Notgemeinschaft“ unterstützt zeitlich übersehbare Forschungsvorhaben von allgemeiner Bedeutung, indem sie dem Forscher persönlich, nicht dem Institut, an dem er arbeitet, die Unterstützung gewährt. Der Bundespräsident wünschte der „Notgemeinschaft“ dabei einen „wohlwollenden Spürsinn für die Außenseiter“.

Neben dem „Stifterverband“, der „Notgemeinschaft“ und der Rektorenkonferenz tagte auch der „Deutsche Forschungsrat“ im Rahmen der Bonner Woche, der eine Verbindung zwischen den Behörden und der Forschung herstellen will. Er steht auch den großen Verbänden der Wirtschaft und Industrie und des öffentlichen Lebens als Beratungsinstanz zur Verfügung.

In der repräsentativen Veranstaltung der „Woche der deutschen Wissenschaft“, der Feierstunde im Bundeshaus, bei der auch der Bundespräsident sprach, wurde immer wieder auf die bedrohliche geistige und moralische Situation unserer Zeit mit ihrem „bedenklichen metaphysischen Vacuum“, wie es Professor Geiler nannte, hingewiesen und auf die hohe Verantwortung, unter der gerade der naturwissenschaftliche Forscher heute bei seiner Arbeit im Hinblick auf deren schicksalhafte Auswirkungsmöglichkeiten steht. R. Str.