Ein Kellner im Old Vienna Café am Londoner Piccadilly Circus, glücklich darüber, daß er erst von einem Prager und dann von einem Hamburger die deutsche Muttersprache gehört hatte, fragte zum Abschied: „Und wie sehen Sie die politische Lage auf dem Kontinent?“ Als die Antwort sich in einigen Widerhaken verfing und nur zögernd hervorkommen wollte, wischte er sie hinweg mit dem echt österreichischen Stoßseufzer: „Ach Gott, hat sich die politische Lage schon wieder in eine militärische Situation verwandelt?“

Wenige Stunden später im Lancaster House, auf einer Pressekonferenz der Atlantikmächte-Vertreter, wurde man lebhaft an dieses Wort erinnert. Denn als der Vorsitzende der „Stellvertreter der Außenminister“, der Amerikaner Spofford, sein Kommuniqué verlas, hörte man: „Die Stellvertreter erkennen die Notwendigkeit an, den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die wirtschaftliche Stabilität im nordatlantischen Raum beizubehalten und zu sichern. Sie sind sich jedoch einig darüber, daß, wenn die wirtschaftliche Erholung und soziale Wohlfahrt gesichert werden sollen, ausreichende Sicherheit, basiert auf der Errichtung eines wirkungsvollen Systems intregierter Verteidigung, mehr denn je notwendig ist.“

Damit hatten die Stellvertreter der Außenminister eine gewichtige Akzentverschiebung gegenüber den Worten der Außenminister der Atlantikmächte vorgenommen, die Mitte Mai an der gleichen Stelle der wirtschaftlichen Erholung den Vorrang vor der integrierten Verteidigung eingeräumt hatten. Die kleineren europäischen Atlantikmächte scheinen dabei nicht sehr willig gefolgt zu sein. Frankreich indessen, das noch im Mai den Nachdruck auf die wirtschaftliche Erholung gelegt hatte, unterstrich jetzt die Forderung nach mehr amerikanischen Divisionen für den Kontinent und gelobte eigene Anstrengungen, die ihm selbst wie anderen Mut machen sollen. G.