Von Christian E. Lewalter

Bislang hatte das jüdische Schicksal keinen Dichter gefunden, der uns mit den Geschicken jüdischer Menschen direkt in eine Verbindung des Herzens brachte.“ So heißt es in dem Begleittext des Rowohlt-Verlages zu dem Roman „Man lebt wie man kann“ von Sophie Kramstyk (534 S., DM 14,80), einem Buch, dem derselbe Text dann nachrühmt, es lasse „uns die wirkliche Tragik der jüdischen Menschen unserer Zeit miterleben“.

Der erste Satz ist, gelinde gesagt, voreilig. Wer etwa Bruno Franks „Tochter“ oder Hermann Kestens „Fremde Götter“ gelesen hat, kann ihm nicht zustimmen. Diese zwei Erzähler haben, der eine für die Zeit von 1914 bis in den zweiten Weltkrieg, der andere für die Zeit nach 1945, die spezifische Tragik der jüdischen Existenz unter der Verfolgung dichterisch durchleuchtet. Re-edukation lag dabei nicht in ihrer Absicht, und auch nicht Verkündung zionistischer Ideale. Sie gaben Anschauung, gingen dem Labyrinth der Probleme nach, entwarfen kontrastierende Gestalten, starre und weltoffene, kämpferische und duldende, verschlagene und weise, und zeigten, wie jede nach ihrem Naturell in der Ächtung, die wie ein Erdbeben über sie kam, ihre moralische Persönlichkeit – das, was die Verfolger zerstören wollten – behauptete. So erreichten sie zwischen diesen jüdischen Gestalten und den nichtjüdischen Lesern mehr als nur eine „Verbindung des Herzens“: einen Kontakt, der den verlorenen Respekt vor der Menschenwürde ganz unmerklich – eben vermöge des dichterischen Gleichnisses – wiederherstellte.

Mit Sophie Kramstyks umfänglichem Bericht von Glanz, Verfall und Elend einer weitverzweigten Familie aus der ostjüdisch-polnischen Intelligenzschicht steht es da recht viel mißlicher. Die Verfasserin zerlegt mit einem selbstkritischen Prisma die Totalität der jüdischen Existenz in ein Spektrum, dessen Wellenlängen sich nach der relativen Stärke des jüdischen Solidaritätsbewußtseins bestimmen. Daher wiegen statistisch unter den jüdischen Personen des Buches die Verleugner vor, Assimilanten vieler Schattierungen: polnische Pseudo-Adlige, deutschnationale Monokelträger, kommunistische Terroristen – Figuren, zu denen der Leser nur schwer in eine „Verbindung des Herzens“ kommen wird. Denn die Menge unsympathischer Erscheinungen verführt ihn eher, seinen Vorurteilen die Treue zu halten, und verdeckt ihm den Blick auf den Bezugspunkt des ganzen verwickelten Systems: die Leidbereitschaft als die über das Judentum verhängte geschichtliche Aufgabe – rein verkörpert in dem Roman nur durch eine einzige, erst gegen Ende deutlicher werdende Frauengestalt.

Die Pogrome und Verfolgungen haben nämlich hier die Funktion eines Jüngsten Gerichts über das Volk Israel. Die Autorin, ohne sich ganz darüber Rechenschaft abzulegen, betrachtet die Katastrophen des ost- und mitteleuropäischen Judentums als eine Heimsuchung, in der die Abgefallenen erliegen und (wie es beim Propheten Jesaja heißt) „der Rest sich bekehrt“. Da der „Rest“ aber (dem Begriff nach) winzig ist und die Abgefallenen Legion, entsteht für den Betrachter ein makabres Bild der Hinfälligkeit und Hybris.

Es wird, noch dazu, in Formen entworfen, die mehr aus „Quo Vadis“ und seiner brünstigschwülen Pathetik stammen als von den kritischen Zeitanalysen der großen heutigen Amerikaner und Franzosen. Über die erotische Promiskuität einer Studentin, die Seitensprünge eines eleganten Architekten, die Verführung einer Minderjährigen erhält der Leser Informationen im gleichen umschreibend-eindeutigen, gefühlsüberladenen Ton wie von der Geburt und ersten Kindheit sehnlich erwarteter Sprößlinge, die mit „Rudi“ und „Heinzi“ angesprochen werden. Etwa so: „Sie betrachtete den schlafenden Jüngling an ihrer Seite, auf den helles Morgenlicht fiel. Die Decken hatten sich verschoben; er lag nackt da. Wie herrlich war das Ebenmaß seiner Glieder...“ Oder: „Ich möchte, daß Rudi sehr viel lacht, daß ihn immer so viel Liebe umgibt, daß er gar nicht anders als liebevoll werden kann...“

Wem dieser Ton nicht die Lust am Lesen nimmt und wer die Ausdauer hat, sich durch viele längst gegenstandslos gewordene Diskussionen über die Stellung der Ostjuden zu ihren Gastvölkern hindurchzuarbeiten, der mag in diesem Buch ein Kompendium der Assimilationsprobleme finden mit mancherlei lehrreichem Detail. Aber mit einer Dichtung hat es so viel zu tun wie eine Parlamentsverhandlung mit einem Drama. Und vom jüdischen Schicksal gibt es nur einen fragmentarischen Aspekt.