Es ist ebenso unsinnig wie instinktlos, von einer Rüstungskonjunktur an der Ruhr zu sprechen. Schon lange, ehe der Koreakonflikt ausgebrochen war, bewegten sich die Auftragseingänge bei der deutschen Eisen- und Stahlindustrie in Höchstzahlen. Die Produktionen lagen an der Limitgrenze, und die Liefertermine verlängerten sich. Daß sich innerhalb der Gesamtaufträge die mengenmäßig höchst unbedeutenden Auslandsaufträge letzthin bescheiden vergrößert haben, hat in einigen Blättern zu Feststellungen Anlaß gegeben, die fast schon böswillig zu nennen sind. Nachdem selbst „Die Welt“ die in der westdeutschen Lokalpresse erschienene Ente von einer Dreitagebuchung über 380 000 t Stahl aus dem Ausland ohne Nachprüfung übernommen hatte, wird in ernsthaften Kreisen darauf hingewiesen, daß diese Meldung lediglich der antideutschen Industriepropaganda wieder als Spielmaterial dient, um die Gefahr der deutschen Konkurrenz an die Wand zu malen.

Es ist auch sachlich ungerechtfertigt, von einem Boom in der deutschen Stahlindustrie zu sprechen. Im Gegenteil. Langsam pendelt sich die Nachfrage auf einen natürlichen und normalen Stand ein, den die Fachleute schon vor Jahren mit 13 bis 14 Mill. Jahrestonnen angegeben haben. Zweifellos spielen Exportaufträge bei der Weiterverarbeitung mittelbar in Form der Vorlieferung dabei eine gute Rolle. Aber in allen Fällen handelt es sich um ein normales Friedensgeschäft. Nachdem Deutschland in den ersten Monaten die Lasten der Liberalisierung zu tragen hatte, kommt die deutsche Wirtschaft jetzt in die Lage, diese Importe mit Warenlieferungen zu bezahlen. Nun beginnt sie auch die guten Seiten der Liberalisierung zu spüren.

Aus Gesprächen mit westdeutschen Industriellen war zu entnehmen, daß von Rüstungsaufträgen oder von einer „Korea-Konjunktur“ keine Rede sein kann. Allgemein steht man einer solchen Auftragsspritze sogar sehr skeptisch gegenüber. Das Geschäftsprinzip, das z. B. Geheimrat Bücher von der AEG bis 1939 streng verfolgt hatte (nämlich: keine Wehrmachtaufträge, sondern solides Geschäft), dieses Prinzip ist mehr denn je (und nicht zuletzt in Beherzigung der Nürnberger Industrieprozesse) allgemeine Usance in Westdeutschlands Schwerindustrie. Rlt.