Dies war die politische Sensation der vergangenen Woche: Der Chefdelegierte Stalins bei den Vereinten Nationen, Jakow Alexandrowitsch Malik, kehrte nach fast siebenmonatigem Boykott in den Weltsicherheitsrat zurück. Der erst 44jährige stellvertretende Außenminister und bevollmächtige Botschafter der Sowjetunion hat damit die Führung der diplomatischen Waffen des Ostens im Korea-Konflikt übernommen. „Mit diesem Knaben verglichen, war ja Molotow ein mildtätiger Weihnachtsmann“, urteilte ein amerikanischer Delegierter über ihn. Und in der Tat: Malik ist der Prototyp der jungen Schule der russischen Diplomatie; stets unnahbar und doch stets lächelnd im Umgang, abwechselnd massiv und sarkastisch in den Debatten. „Ich bin Malik. Ich bin froh, Sie hier zu treffen. Aber ich habe Ihnen nichts zu sagen“, mit diesen Worten begrüßte er vor zwei Jahren die Reporter, als er an Bord der Queen Mary in New York eintraf.

Malik hat den so schnell erworbenen Ruf des „großen Schweigers“ bis heute nicht verloren, „Man hat das Gefühl, daß er an den Verhandlungen überhaupt nicht interessiert ist“, behauptete einmal ein britischer Diplomat. „Man möchte vielmehr glauben, daß er die ganze Prozedur mit Übelkeitsgefühlen betrachtet.“ Gesellschaftlichen Verkehr pflegt Malik so gut wie nie. Er erscheint nur selten und stets im Kreise einer anhänglichen Delegation auf Cocktailparties und Empfängen. Seine Frau und seine Kinder weilen fern vom kapitalistischen Amerika im Sowjetvaterland. Geboren wurde Malik in der Ukraine. 1937 trat er, nach einem mit Auszeichnung abgeschlossenen Universitätsstudium, in den diplomatischen Dienst ein. Seit jenen Tagen stieg seine Karriere steil an. Zweimal wurde er mit dem Leninorden ausgezeichnet, „für erfolgreiche Erfüllung von Regierungsaufgaben während des Patriotischen Krieges“. Niemand weiß, was sich hinter dieser nebulosen Begründung für eine so hohe Dekoration verbirgt. Und Malik, der Schweiger, schweigt...

Fest steht nur dieses: Er ist. gegenwärtig einer der großen Moskauer Experten für Ostasien. Noch niemals hat es um ihn eine Gerüchtekrise gegeben. Wann immer er von einem Außenposten zurückberufen wurde – geschah es nicht, um ihn von der diplomatischen Bühne verschwinden zu lassen. Im Gegenteil, schon nach drei Jahren Auslandsdienst kehrte der Botschaftsrat von 1939 in der sowjetischen Botschaft in Tokio 1942 selbst als Botschafter in die japanische Hauptstadt zurück. Dort vollbrachte er das diplomatische Kuriosum, von jener Stunde, in der er die Kriegserklärung überreichte, bis zu jener anderen, in der er die Kapitulation entgegennahm, als feindlicher Diplomat zu leben. 1946 avancierte er zum Berater der sowjetischen Delegation beim Alliierten Kontrollrat in Japan. Er hat in diesen Jahren die Route Moskau–Tokio oft bereist. Erst vor zwei Jahren vertauschte er sie endgültig mit jener anderen, bedeutungsvolleren Moskau–New York.

Damals maß man seiner Eigenschaft als erstem sowjetischen Diplomaten auf asiatischen Feldern wenig Bedeutung bei. Man legte seiner Verwendung in Lake Success vielmehr vor allem seine erstaunlichen Sprachkenntnisse zugrunde. Denn nicht nur Maliks Japanisch, auch sein Englisch und Französisch sind fast ohne jeden Akzent, Nicht selten kommt es vor, daß er auf einer Sitzung der UNO mit seiner trockenen, knarrenden Stimme einen Übersetzer verbessert. Aber heute erscheint die asiatische Vorbelastung des sowjetischen Delegierten mit einmal in einem ganz anderen Licht. Schon vor 1948 also, als die Augen der Welt noch auf Berlin gerichtet waren, sorgte Moskau dafür, daß in den Vereinten Nationen ein Mann einzog, der gegebenenfalls die große asiatische Karte mit Versiertheit auszuspielen wußte. Getrost kann man daher die Hypothese, daß die Sowjets durch ihr Fernbleiben in den ersten entscheidenden Sitzungen des Sicherheitsrates über Korea einen Trumpf verspielt hätten, wie so manchen anderen westlichen Wunschtraum zu den Akten legen. Maliks Auftauchen 1948 und seine Wiederauferstehung im August 1950 beweisen es. K. W.