Wo die Leute planlos wie die Fliegen dahinsterben, ist keine Bevölkerungspolitik möglich, und nur in barbarischen Ländern läßt man die Einwohnerzahl einfach so hingehen. Auf allen Gebieten staatlicher Kontrolle sind jetzt so reißende Fortschritte gemacht worden, daß es unverständlich ist, wie man dem einzelnen noch beliebiges Hinscheiden anheimstellen kann.

Jedermann, der ans Sterben denkt, sollte sich vor Augen halten, ob dem Staat damit gedient oder geschadet wird, und selbst wenn diese Frage offen bleibt, ob es nicht schon im Sinne der Ordnung geboten ist, die Entscheidung über die totale Beendung seiner Dienstzeit in die Hände des Gemeinwesens, bzw. der damit betrauten Dienststelle zu legen.

Die wahre Ordnung kann nur in einem Lande herrschen, wo jedes Individuum sich, ist seine Altersgrenze erreicht, in sauber gewaschenem Zustand zwecks Annullierung in der dafür geschaffenen Anlage, Zimmer soundso, einzufinden hat. Anträge auf verlängerte Lebenserlaubnis können in vierfacher Ausfertigung, eingereicht werden, natürlich unter Beifügung einer triftigen Begründung sowie diverser Papiere, als da sind: polizeiliches Leumundszeugnis, ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung, Befürwortung der zuständigen Bewirtschaftungsstelle. Nur in dringenden Fällen kann eine Lebensverlängerung über die vorgeschriebene Altersgrenze hinaus, und immer nur kurzfristig, sagen wir auf sechs Monate, gewährt werden.

Vor allem wäre dort die amtliche Genehmigung notwendig, wo ein Individuum schon vor der gesetzlichen Altersgrenze den Exit wünscht. Ein neu aufblühender Erwerbszweig, die Exitus-Manager, eine Kombination von Rechtsanwalt und Bestattungsunternehmer, kannte die Erledigung aller hierzu nötigen, gewiß nicht eben einfachen Formalitäten in die Hand nehmen.

Denn jeder Sterbeantrag wird, wie der Antrag zum Überleben, einer sorgfältig ausgearbeiteten Bevorschriftung unterliegen. Ihm muß eine notariell beglaubigte Einverständniserklärung des Ehepartners bzw. des nächsten Verwandten beiliegen, im Nichtvorhandensfalle des zuständigen Bürgermeisters, ferner ein seelsorgerisches Reifezeugnis, ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Grab-Stellennachweis, eine Abschrift des Testamentes, notariell beglaubigt, sowie die Angabe, ob und welche Todesanzeigen, Nachrufe und Kranzspenden erwünscht sind, bei letzterem mit Unbedenklichkeitsbescheinigung der botanischen Abteilung des Landwirtschaftsministeriums. Alle diese Papiere müssen in fünffacher Ausfertigung beigebracht werden: eins für die zuständige und eins für deren übergeordnete Dienststelle, eins für die Akten, eins sowieso schlechthin, und eins bekommt, mit Stempeln versehen, der Antragsteller zurück.

Dies ist dann zwar noch nicht die Genehmigung als solche, doch fortan darf der Antragsteller hoffen: die Behörde hat sein Gesuch entgegengenommen und ist dabei, es streng, aber gerecht zu prüfen, und binnen Monatsfrist hat er in der Regel die Erlaubnis in Händen, die Grenze überschreiten zu dürfen. Tief aufseufzend vor Erleichterung läßt er sich in die Kissen fallen.