T., Bombay, im August

Die verantwortlichen Männer der vor drei Jahren aus der Taufe gehobenen Indischen Union stellen sich immer wieder die Frage, wie sie die gewaltigen und unaufschiebbaren Ausgaben in ein vernünftiges Verhältnis zu den Einnahmen bringen können. An vorderster Stella steht hierbei das Versprechen der Regierungspartei, das Los der breiten Schichten der Armen zu verbessern und ihren Lebensstandard langsam zu heben. Um dieses Ziel zu erreichen, will man verschiedene Aufgaben lösen. Als erste Voraussetzung wird die Erhöhung der Nahrungsmittelerzeugung angesehen – ein Ziel, das mit unermüdlicher Energie von dem Landwirtschaftsminister der Zentralregierung verfolgt wird. Großzügige Bewässerungsprojekte sind im Entstehen, um die riesigen, ausgedörrten Flächen Indiens unter Kultur zu bringen. Parallel dazu läuft eine intensive Kampagne der Aufforstung, um der seit Jahrhunderten um sich greifenden Bodenerosion Einhalt zu gebieten. Einige der Bundesstaaten glauben die Lösung des Nahrungsmittelproblems in der Einführung der Bodenreform zu sehen, und so gehen sie dazu über, Landbesitz über 200 Morgen zu enteignen. Teilweise wird der Grundbesitzer mit einer Zehn-Jahrespacht entschädigt, die dann im Laufe der Jahre wiederum von dem vom Pächter zum Besitzer gewordenen Bauern hereingeholt werden soll.

Für die Verwirklichung dieser Projekte sind Unsummen an Staatsgeldern erforderlich. Vom Bauern selbst aber ist kaum ein Beitrag zu erwarten. Auch die Industrie braucht staatliche Unterstützung, um das Land unabhängiger von Importen zu machen und einen Teil der Arbeitslosen aufnehmen zu können. Vor dem zweiten Weltkrieg war Indien mehr oder weniger ein reines Agrarland, das den größten Teil der Industrieerzeugnisse aus England bezog. Der Weltkrieg schnitt das Land von seinen Lieferländern ab, und so entstand mit Hilfe von europäischen Technikern und Fachkräften eine Fülle von kleinen und mittleren Industriebetrieben. Aber der Bedarf des Landes kann mit ihren Erzeugnissen nur zu einem Bruchteil gedeckt werden. Außerdem ist der Anfall an geschulten Fachkräften in Indien relativ gering, so daß eine Expansion der einheimischen Industrie nur äußerst langsam vorankommt. Um eine Beschleunigung zu erreichen, müssen Staatsmittel auch hier eingreifen.

Ein weiteres Problem, dem die Regierung gegenübersteht, ist der immer dringender werdende Wohnungsbau für Obdachlose, Industriearbeiter und Flüchtlinge aus Ost- und Westpakistan. Wie die Kosten für diese zahlreichen Projekte, zu denen noch die Erschließung des Landes durch Straßenbau und Ausdehnung des „Eisenbahn- und Autobusnetzes hinzukommt, gedeckt werden sollen, ist eine Frage, mit der sich die Regierung unentwegt zu beschäftigen hat, zumal die Steuerschraube schon auf ein nahezu unerträgliches Maß angezogen ist; es müssen daher andere Wege gefunden werden.

Die Gegner der in verschiedenen Staaten nach der Erlangung der Unabhängigkeit eingeführten Prohibition wälzen nun die Schuld für die prekäre Finanzlage ihres Landes auf die Prohibition. Sie behaupten, daß das hierdurch verlorene Steueraufkommen sowie die jetzt für die Durchführung des Gesetzes aufgebrachten Kosten genügen würden, um die Wirtschaft des Landes auf eine gesunde Basis zu stellen. Um diese Frage beurteilen zu können, muß man sich einmal einige Zahlen vor Augen führen. Beispielsweise im Staate Bombay, der heute eine Einwohnerzahl von 28 Millionen hat – also etwa ein Dreizehntel der Gesamtbevölkerung Indiens –, wird nach authentischen Unterlagen der jährliche Verlust an Getränkesteuern auf 100 Mill. Rupies (1 Rupie = 0,88 DM) geschätzt. Hinzu kommen die Durchführungskosten des Gesetzes in Höhe von 20 Mill. Rupies je Jahr allein im Staate Bombay. Für den Staat Madras lauten diese Zahlen wie folgt: bei einer Einwohnerzahl von 65 Millionen (ein Sechstel Indiens) beträgt der jährliche Verlust 170 Mill. Rupies und die Durchführungskosten schätzungsweise 34 Mill. Rupies.

Als Erfüllung des Parteiprogramms der Regierungspartei ist die Prohibition für Gesamtindien geplant, und in diesem Falle würden sich nach vorsichtigen Schätzungen seitens der Fachleute der Steuerverlust auf 1600 Mill. Rupies jährlich und die Kosten für die Durchführung auf etwa 300 Mill. Rupies je Jahr belaufen. Offenbar hat man in der Zentralregierung – bestimmt aber im Finanzministerium – eingesehen, daß die Einführung der Prohibition ein Fehlschlag war, denn der Finanzminister hat kürzlich selbst gesagt, daß man nicht starr an Wahlparolen, die zu früheren Zeiten Gültigkeit hatten, festhalten soll. Die Gegner der Prohibition machen sich diese Ansicht zu eigen und empfehlen eine realistischere Haltung statt Sentimentalität, sowie Berücksichtigung der wirtschaftlichen Belange statt eines Beharrens auf politischen Parolen.

Nach offiziellen Schätzungen betrug in Indien die alkohltrinkende Bevölkerung ohnehin nur etwa 10 v. H. der Gesamteinwohnerzahl, und man fragt sich – vielleicht mit Recht –, ob es die Opfer aller lohnt, um diesen 10 v. H. das Trinken zu verwehren. Unberücksichtigt bleiben dabei die kriminellen Folgeerscheinungen wie Spritschmuggel, Schwarzmarkt und ungesetzliches Brennen. Es bleibt nun der weiteren Entwicklung vorbehalten, ob das gesamte Land – wie ursprünglich vorgesehen – trocken wird, oder ob man die Prohibition aus finanztechnischen Rücksichten wieder aufgibt.