Sowjetische Theaterstücke, Filme und Gemälde sind außerhalb des Eisernen Vorhangs als Propaganda nicht verwertbar, weil sie nichts sind als Propaganda. In den westlichen Ländern werden sie gar nicht erst angeboten. Der Sowjetstaat kann mit seiner neuen Kunst keinen Staat machen.

Anders sieht es in den „Volksdemokratien“ aus, etwa in der Republik Piecks. Hier läßt man außer der Propaganda noch Kunst herstellen. Man erlaubt – solange es opportun ist – Künstlern, sofern sie sich bei Gelegenheit zum System bekennen (zum Beispiel die „Ächtung der Atombombe“ mitfordern), auf der Bühne oder der Leinwand von der Generallinie des „sozialistischen Realismus“ abzuweichen. So entsteht Kunst, und mit solcher Kunst kann man im Westen Staat machen. Wer in Düsseldorf oder Hamburg Bert Brechts „Hofmeister“-Inszenierung oder Erich Engels „Biberpelz“-Filim sieht, bleibt von Propaganda ganz verschont. Er sieht exzellentes Theater, exzellenten Film und sagt sich: „Also verlangt das Sowjetregime gar nicht so viel Kunstbanausentum, wie seine westlichen Kritiker behaupten!“

Die künstlerische Leistung selbst, die reine, unpropagandistische Kunstleistung, wird damit zur Propaganda. Wie nützlich das sein kann für ein totalitäres System, hatte bereits Goebbels erkannt. „Kultur an sich ist schon Propaganda“, pflegte er zu sagen. Ein Staat, der Furtwängler dirigieren und Gründgens inszenieren läßt, kann doch kein Barbarenstaat sein – so sollten die Leute denken, und so dachten sie auch.

Ein „Biberpelz“-Film mit marxistischer Schlußpointe wäre in Westdeutschland nicht zu placieren gewesen. Der geistreiche und im Filmischen musterhafte „Biberpelz“ Erich Engels (nach dem Drehbuch von R. A. Stemmle) wird nicht nur der DEFA stattliche D-Mark-Einnahmen verschaffen, sondern ihr auch den Ruf eines Kunstinstituts eintragen. Daß die in der Sowjetzone maßgebliche Partei und ihre „Massenorganisationen“ inzwischen längst den Schlußangriff auf solche Reste künstlerischer Unabhängigkeit eröffnet haben, daß gutgläubige und idealistische fellow travellers wie Brecht und Engel recht bald nicht mehr genehm sein werden – davon erfährt der Zuschauer im Westen kaum etwas.

Gegen Gustaf Gründgens sind! heftige Angriffe erhoben worden, weil er Brechts „Berliner Ensemble“ an seiner Bühne gastieren ließ. Ob die Kritiker bona fide handeln, mag dahingestellt sein. Der Anlaß ist aber ernst genug. Daß Brechts Vorstellungen küntlerisch das Beste sind, was das deutsche Theater 1950 zu bieten hat, sollte kein Urteilsfähiger bestreiten; Trotzdem sind sie (und auch der „Biberpelz“) trojanische Pferde. Gerade weil sie so überaus gut sind, lügen sie den Charakter des Systems um, das sie duldet und als Aushängeschild gebraucht. Sie erwecken den ganz falschen Eindruck, als gäbe es innerhalb des Eisernen Vorhanges einen echten Wettstreit künstlerischer Richtungen und als genieße das sublime Können der Leute um Brecht alle Förderung von seiten der staatlichen Instanzen. C. E. L.