Das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, Essen, mit einer jährlichen Stromabgabe von rund 8 Mrd. kWh (1948/49: 7,3 Mrd., 1947/1948: 5,9 Mrd.) das größte deutsche Elektrizitätsunternehmen, berichtet nach langer Pause wieder der Öffentlichkeit, „wie es steht“. Die Zahlen über vergangene Geschäftsjahre sind nicht so interessant – neue Abschlüsse liegen noch nicht vor – wie die Angaben über die Entwicklung der Stromwirtschaft in den letzten Jahren.

Allgemein: Unter rechtzeitiger und erfolgreicher Anwendung modernster technischer Mittel konnte RWE leistungsfähige Leitungsverbindungen zwischen den Wärmekraftwerken auf der Kohle und den Wasserkraftwerken des Südens herstellen. Minderwertige Brennstoffvorkommen wurden nutzbar gemacht, hochwertige Kohlensorten geschont. Der Anschluß des RWE-Verbundnetzes an die Leitungsnetze des benachbarten Auslandes hat in aller Stille für den Strom bereits eine eigene Art der europäischen Zusammenarbeit in freier Entwicklung eingeleitet, wie sie neuerdings auch für Kohle und Eisen angestrebt wird.

Speziell: RWE verfügt – ohne Berücksichtigung der Fremdlieferungsverträge – über eine Maschinenleistung von 1,67 Mill. kW. Diese verteilt sich mit 697 000 auf Braunkohlen-, 463 000 auf Steinkohlen- und 509 000 kW auf Wasserkraftwerke, so daß die Grundlast mit einer installierten Leistung von 1,16 Mill. kW von den Wärmekraftwerken getragen wird. Infolge der ständig wachsenden Stromanforderungen befinden diese sich in starkem Ausbau. Obwohl das RWE ursprünglich als Steinkohlenkraftwerk gegründet wurde, fand seit den zwanziger Jahren eine verstärkte Stromerzeugung auf der rheinischen Braunkohle statt. Auch jetzt erfolgt der Ausbau – neben der Erweiterung der Steinkohlenkraftwerke in Essen – überwiegend auf Braunkohlengrundlage. So wird das Goldenbergwerk bei Köln durch Erweiterung und Bau einer Hochdruck-Vorschaltanlage auf eine Gesamtleistung von 870 000 kW (bisher 430 000) gebracht, sodaß allein dieses Werk künftig 6,1 Mrd. k Wh je Jahr erzeugen kann. Im Kraftwerk Frimmersdorf wird die Kapazität einmal durch Modernisierung erhöht; ferner sind hier und in Weisweiler neue Blockkraftwerke projektiert, die eine zusätzliche Stromerzeugung von je 300 000 kW erbringen sollen.

Preise: Der aus Braunkohle erzeugte Strom ist um fast 1 Pfennig billiger als der aus Steinkohle. Zur Zeit werden im Braunkohlenkraftwerk, sagt RWE, je kWh 3,5 kg Rohbraunkohle mit einem Einstand von 1,2 Pfennig gebraucht, im Steinkohlenkraftwerk 0,65 kg Steinkohle mit einem Einstand von 2,1 Pfennig. Auf Grund dieser Tatsache vertritt das RWE den Standpunkt, daß die Stromerzeugung aus Braunkohle – von der Nutzung der nur in begrenztem Ausmaß zur Verfügung stehenden Wasserkräfte abgesehen – die billigste sei. Dem steht die Forderung des Steinkohlenbergbaus nach verstärkter Verwendung der minderwertigen, ballasthaltigen und sonst nicht absatzfähigen Steinkohle (bis zu 11 v. H. der Förderung) durch Stromerzeugung in Zechenkraftwerken entgegen. Wurden in den Zechenkraftwerken 1932 erst 1,8 Mrd. kWh erzeugt, so stieg diese Leistung 1949 bereits auf 4,3 Mrd. kWh, so daß bei einem Eigenverbrauch von 3,2 Mrd. kWh und Fremdbezügen von 0,47 Mrd. rund 1,6 Mrd. kWh an das öffentliche . Netz abgegeben werden konnten. Die Kontroverse über den Streit. scheint nunmehr weitgehend im Abflauen zu sein. Zwischen RWE und den Vereinigten Stahlwerken ist ein auf 20 Jahre laufender Stromlieferungsvertrag abgeschlossen worden, wonach das RWE jährlich 1 Mrd. kWh aus den drei zur Zeit mit Hilfe von ERP-Mitteln erbauten Steinkohlenkraftwerken der Vereinigten Stahlwerke übernimmt.

Finanzierung: Alle Wiederaufbauarbeiten an Kraftwerken und Leitungsnetzen wurden aus eigenen Mitteln finanziert. Für die beträchtlichen Erweiterungsbauten reicht jedoch die eigene Kraft nicht aus (246 Mill. Mark Aktienkapital), zumal die Strompreise trotz Erhöhung der Steinkohlenpreise um 7 DM je Tonne und der Braunkohle um 80 v. H. immer noch dem Preisstopp unterliegen. Trotzdem hält das RWE eine Erhöhung der allgemeinen Tarife nicht für vertretbar: doch wird für gewisse Sonderverträge eine Lockerung der bestehenden Preisbindungen gefordert. Für die Erweiterungsarbeiten wurden dem RWE Marshall-Plan-Kredite in Gesamthöhe von 267,25 Mill. DM in jährlichen Teilraten bis 1954 bewilligt. Die Jahresrate für 1949 ist völlig in Anspruch genommen und auch, zur Ablösung, als Anleihe öffentlich aufgelegt. Allerdings wurde, trotz günstiger Bedingungen, nur ein Teilbetrag gezeichnet und der Restbetrag daher auf zehn Jahre als Buchkredit von der Wiederaufbaubank gewährt. Wt.