Am 11. September beginnt in New York der Prozeß gegen Harry Gold und seine Helfer, die mit dem englischen Atomwissenschaftler Fuchs für die Sowjetunion Spionage trieben.

Als Klaus Fuchs, Atomwissenschaftler in englischen Diensten, Deutscher von Geburt und Kommunist seiner Gesinnung nach, dem verhörenden englischen Beamten erklärte, er habe sein Material in den USA einem Mann von ungefähr 40 Jahren übergeben, dessen Namen er nicht kenne, stand die amerikanische Polizei vor einer schweren Aufgabe: Wie sollte sie einen solchen Mann ausfindig machen, von dem Fuchs außerdem nur noch angeben konnte, daß er etwa 1,70 Meter groß und 80 Kilo schwer gewesen sei? Aber einen Anhaltspunkt setzte die amerikanische Polizei von sich aus noch zu diesen vagen Andeutungen: Sie nahm an, daß es sich bei dem Mittelsmann um einen Naturwissenschaftler handeln müsse, da ein Laie gar nicht in der Lage gewesen wäre, die Informationen sinngemäß weiterzugeben. So legte sie eine Liste aller Naturwissenschaftler an, die an den Orten wohnten, die Fuchs in Amerika in den Jahren 1944/45 bereist hatte. 1200 Namen kamen so zusammen, doch durch sorgfältige Prüfungen konnte man einen nach dem anderen aus der Liste streichen, und schließlich zog sich das Netz immer enger um den ersten Biochemiker des General Hospitals in Philadelphia zusammen, einen kleinen untersetzten Mann russischer Abstammung, hochbegabt als Wissenschaftler – um Harry Gold. Harrys Eltern waren 1914 aus Rußland nach den USA ausgewandert; aber in der neuen Heimat ging es ihnen schlecht. Der junge Harry schloß sich aus Enttäuschung einer kommunistischen Jugendbewegung an, ehe er durch seinen Fleiß und seine Intelligenz in der amerikanischen Wissenschaft Karriere machte.

Gold leugnete zuerst hartnäckig, aber nach geschickt geführten Kreuzverhören brach er zusammen und gestand, Fuchs 1945 in New Mexico getroffen und dessen Informationen entgegengenommen zu haben. Als man Fuchs im Zuchthaus in England Bilder von Gold vorlegte, erkannte er den ehemaligen Mittelsmann wieder.

Durch Golds Aussagen wurde die amerikanische Polizei auf zwei Männer namens „Joe“ und „Sam“ aufmerksam, die Gold Spionageaufträge erteilt hatten und von denen er bis zu seiner Verhaftung annahm, daß sie – wie er selbst – Amerikaner in russischen Diensten seien. Erst durch die Nachforschungen der Polizei kam heraus, daß es sich bei diesen Auftraggebern um zwei Russen, nämlich um den ehemaligen Vizekonsul am sowjetischen Generalkonsulat in New York Anatoli A. Yakovlev und den früheren Angestellten des staatlichen russischen Einkaufsbüros in New York Semen M. Semenov handelte. Diese beiden waren jedoch längst wieder hinter dem eisernen Vorhang verschwunden und ließen ihre amerikanischen Helfer allein, die nicht für Geld, sondern weil sie von der Sache des Kommunismus und der Sowjetunion überzeugt waren, wichtige Geheimnisse preisgaben. So erklärte Gold bei seiner Vernehmung: „Ich hatte nicht die Absicht, meinem Lande zu schaden. Ich glaubte, ich würde einer Nation helfen, deren von mir gebilligtes Endziel es ist, industriell stark zu werden.“ – Und David Greenglass, ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger, in den Jahren 1944/45 Sergeant an der Atomforschungsanstalt in Los Alamos, sagte nach seiner Verhaftung: „Ich hielt es für eine schwere Geringschätzung von Seiten der Vereinigten Staaten, daß sie Rußland nicht Informationen über die Atombombe gaben, obwohl Rußland ein Alliierter war...“

Greenglass nämlich gehörte zu dem Spionagering, dessen Mittelpunkt Gold war und dessen einzelne Glieder der amerikanischen Polizei nach Golds Vernehmung nach und nach bekannt wurden. Greenglass war früher ein Mitglied der „Liga der jungen Kommunisten“ und wurde Anfang 1945 von seinem Schwager Julius Rosenberg für die Spionage zugunsten der Sowjetunion gewonnen. – Dieser Rosenberg – von Beruf Elektroingenieur im Generaldepot des Kriegsministeriums in New York – übermittelte an Greenglass diejenigen Fragen über die Atombombe, an deren Beantwortung den Russen besonders viel gelegen war. Das Material hatte Greenglass aber nicht Rosenberg, sondern wiederum Gold – dessen Namen er freilich nicht kannte – zu übermitteln. Als Erkennungszeichen dienten den beiden die unregelmäßig zerschnittenen Hälften einer Konfektschachtel, die ihnen von Rosenberg ausgehändigt wurden.

Erstaunlich blieb, daß Rosenberg sich selbst nicht zur Flucht entschloß, nachdem Gold und Greenglass verhaftet und wenige Tage später der Chemiker Abraham Brothman in seiner Firma A. Brothman Associates, Inc. in Long Island City zusammen mit seiner Angestellten Miriam Moskowitz festgenommen worden waren. Gold hatte nämlich ausgesagt, daß Brothman derjenige gewesen sei, der ihn 1942 dazu überredet hätte, für die Sowjetunion zu arbeiten. Er habe ihn immer wieder darauf hingewiesen, daß die Sowjetunion das einzige Land sei, das den Faschismus bekämpfe. Schließlich war es auch Brothman, der Gold mit Sam und Joe zusammenbrachte, die schon bald nach Beginn ihrer Zusammenarbeit die Eitelkeit des jungen Gold dadurch anstachelten, daß sie erklärten, seine Tätigkeit für die Sowjetunion sei ebenso wertvoll wie der „militärische Einsatz von zwei Brigaden“. – Miriam Moskowitz – von 1942 bis 1944 in der Einberufungskommission für den Militärdienst in New York beschäftigt – wird beschuldigt, Brothman und Gold in ihrer Spionage für Rußland unterstützt zu haben.

Kurze Zeit darauf wurde auch Rosenberg verhaftet. Er, Miriam Moskowitz und Abraham Brothman haben im Gegensatz zu Gold und Greenglass bis jetzt jede Spionagetätigkeit geleugnet; doch ist das Beweismaterial gegen sie so erdrückend, daß sie ihre bisherigen Aussagen vor Gericht kaum werden aufrechterhalten können.

E. K.