Verona, Anfang August

\/erona ist dem Italienreisenden nicht nur als die Heimatstadt des berühmtesten Liebespaares der Welt bekannt (noch heute verkauft eine Konditorei den Lieblingskuchen Romeos und Julias), sondern auch als der Sitz der alljährlichen Opernfestspiele in der altrömischen Arena. Wenn man in Florenz ein Publikum von internationalen Kunstfeinschmeckern antrifft, so ist Verona das Volksfeft der italienischen Oper. Gewiß parken auch hier dieselben eleganten Limousinen, wie man sie im Mai am Arnostrand gesehen hat. Aber der Akzent liegt auf den Lastwagen, in denen Arbeiter aus Padua, und auf den Eselskarren, in denen Bauern aus der unmittelbaren Umgebung kommen. Sie sind nicht minder kritisch als jene, die imstande sind, Vergleiche mit der Metropolitan, der Pariser Oper oder den Salzburger Festspielen anzustellen.

Das wurde in diesem Jahr bei der Eröffnungsvorstellung auf drastische Art bewiesen. Kaum war es über den dreißigtausend Sitzplätzen der Arena dunkel geworden, kaum hatte Angelo Questa den Dirigentensitz eingenommen, um den Orchestereinsatz zu Boitos „Mefistofele“ zu geben, als eine Gurke durch die Luft sauste und den Maestro haargenau an den Kopf traf. Dieser Scharfschuß war nur das Startzeichen für das, was nachkam: Tomaten, Äpfel und die berühmten saftigen Pfirsiche des Veroneser Landes. Eine mit voller Wucht ins Orchester sausende Gurke zerstörte den Resonanzboden einer kostbaren alten Geige, und ein Hornist wurde von einem weichen Pfirsich genau aufs Ohr getroffen. Erst allmählich wurde der Grund der Empörung bekannt: la questione del tenore. Man hatte für die Rolle des „Faust“ einen bisher unbekannten Mann namens Guerrino Lovato vorgesehen. Aber unbekannt war der Sänger nur den Fremden.

Der junge Tenor, der in der Umgebung der Stadt aufgewachsen war, hatte vor einiger Zeit an einem Sängerwettbewerb des lokalen Rundfunks teilgenommen und dabei den ersten Preis errungen. Seither war sein Aufstieg eine Herzenssache der Opernfreunde von Verona. Er fand in der Stadt einen Mäzen, der seine Ausbildung finanzierte. Und die Leitung der Opernfestspiele zeigte sich bereit, Lovato die Hauptrolle in der Eröffnungsvorstellung zu übertragen. Groß war die Enttäuschung, als Maestro Questa bei den Proben feststellte, daß der neue Tenor den Anforderungen eines solchen Starts noch nicht gewachsen war. Man berief in aller Eile den bewährten Giacinto Prandelli herbei. Aber man hatte die Rechnung ohne die breiten Massen auf der Gradinata, der Galerie des riesigen Römerhaus, gemacht. Die Folge war, daß sich während der ganzen Eröffnungsvorstellung die Laune eines Fußballwettkampfs über das Opernpublikum verbreitete. „Und da soll noch einer sagen, die Passion für die Oper sei gestorben und das Publikum gehe nicht mehr mit!“ schrieben die Kritiker. Als Prandelli auf der Szene erschien, wurde ihm „Fort mit dem Kerl!“ zugerufen. Eine Zeitlang wurde in den Lärm hinein gesungen und musiziert, ohne daß jemand etwas davon gehört hätte: es war, als ob ein Stummfilm abliefe. Und Renata Tebaldi, die beliebte weibliche Hauptdarstellerin, trat an die Rampe und rief – da offenbar ihre Mutter im Parkett zugegen war –: „Hab’ keine Angst, Mama!“ Einige der Kissen, die man hier zu mieten pflegt, um sich das Sitzen auf den harten Steinquadern zu erleichtern, flogen auf die Szene, und dazu läuteten eine Stunde lang die offenbar verbündeten Kirchenglocken. Erst nach geraumer Zeit konnte Mongelli das satanische Gelächter seines Mephisto freies unbehelligt an ein nun endlich williges Publikum bringen.

Als die Vorstellung lange nach Mitternacht zu Ende war, ging noch auf der Piazza Brà die hitzige Debatte zwischen Prandellianern und Lovatianern weiter. Am nächsten Abend war es wieder wie sonst: Als es dunkel geworden und auch das vornehme Parkett endlich mit Besuchern in Abendkleidern und weißen Smokings gefüllt war, legte sich tiefe Andacht über dieses Operntheater für Dreißigtausend. Und es vollzog sich jene einzigartige Zeremonie, die jeden bezaubert, der zum erstenmal in Verona Oper hört: die Moccoletti. Kleine Wachslichter oder auch einfach wachsgetränkte Streichhölzer – die Cerini – wurden entzündet. In dem gewaltigen Rondeau flammten tausende winziger Lichtchen auf, brannten solange, wie eben ein Streichholz brennt, und verloschen dann wieder – eine stumme Geste zur Begrüßung des Dirigenten.

Otto F. Beer