Rudolf Levy wäre jetzt fünfundsiebzig Jahre, wie der stilistisch ihm nahestehende Oscar Moll (vgl. „Die Zeit“ Nr. 29), wenn er nicht 1944 in Florenz von der Gestapo abgeholt worden wäre...

Er ist wohl heute sehr vergessen, denn einmal sind seine Bilder seit 1933 aus der Öffentlichkeit verschwunden, zum andern waren diese in ihrer noblen künstlerischen Haltung niemals irgendwie „sensationell“. Dazu kommt als ein drittes, daß nun schon damals weniger von seiner Malerei redete, als von seiner anekdotenumwobenen Persönlichkeit. Man vergaß darüber leicht, daß er ein feiner, ungemein gewissenhafter Maler mit einer blühenden und starken Koloristik war. Er bemühte sich um die neue Malerei mit echter Künstlerqual (bis die Spuren der Qual rein getilgt waren), vor der Natur und im Atelier – wenn er eins hatte, damals in Paris, als wir alle zusammen uns fast allabendlich im Café du Dome trafen. Levy war insofern ein Ausnahmefall, als solche originellen und amüsanten Erscheinungen der Bohème sonst selten ernstzunehmende Künstler sind. So sagte er denn auch: „Ach was, Talent! Talent haben sie alle, Intelligenz muß man haben!“ Wodurch er wiederum an dem Vorurteil schuldig wurde, daß man ihn als einen lediglich mit wägender Reflexion arbeitenden Maler ansah.

Wache Intelligenz nun drückte freilich sein bedeutender, gut geschnittener Kopf aus, den er stets etwas in den Nacken legte. Im übrigen war er blond, grauäugige – stämmig, und sein fabelhafter Baß hatte etwas so vertrauenerweckendes, daß sich immer wieder Leute fanden, die ihm in seinen pittoresken Geldverlegenheiten halfen. Er gehörte zu den „Vätern des Dome“, und besonders schön war es, wenn er zu später Stunde mit den parodierten Allüren eines alten Hofschauspielers donnernd eine seiner Dichtungen vortrug, die in witzig pathetischer und, gelinde gesagt, drastischer Form irgendeinen aus dem Kreise „feierten“. Man mußte nur hoffen, daß die herumsitzenden Franzosen kein Deutsch verstünden. Am Tage verarbeitete er in großenteils „geliehenen“ Ateliers die ungeheuren Eindrücke, mit denen ihn Paris – nach einer Studienzeit in Karlsruhe und München – überschüttet hatte. Der Ruhm Cézannes hatte sich seit 1900 immer weiter ausgebreitet, und als er das Gerede über den Meister nicht mehr aushalten konnte, schrieb er den oft zitierten Vers:

Stell auf den Tisch die duftenden Stilleben,

die letzte Tube Zinkweiß hol herbei,

und laß uns wieder von Cezannen reden,

wie einst im Januar, Februar, März, April