Kunstgewerbe füllte die Schaufenster der Nachkriegsjahre. Nicht nur den kunstgewerblichen Gebrauchsgegenstand stellte man her, sondern tausenderlei von jenen Surrogaten, die der Volksmund unter den Generalnenner „Aschenbechergewerbe“ brachte und mit dem in rheinischen Breiten üblichen Wort „Tinneff“ belegte. Es war die kunstgewerbliche, die schreckliche Zeit, die Ringelnatz wohl vorausgeahnt hat, denn er hat den vortrefflichen Satz hinterlassen: „Ich bitt’ euch, wenn ich einmal sterbe, tut meine Asche nicht in Kunstgewerbe.“ Was auch in jenen Jahren der Geschmacksverirrung einigermaßen echt blieb, war Westerwälder Steinzeug, Steinwaren aus dem Kannenbäckerland. Von Vallendar am Rhein, fünf Kilometer unterhalb Ehrenbreitstein, erreicht man mit dem Omnibus in knapp einer halben Stunde das freundliche Doppelstädtchen Höhr – Grenzhausen, den Hauptort des sogenannten Kannenbäckerlandes im dem Rhein zugekehrten Teil des Unterwesterwaldkreises. Die hier liegenden Orte Grenzau, Ransbach, Baumbach, Siershahn, Mogendorf, Hilgert, Wirges und Hillscheid bergen zahlreiche Tonfelder und Tongruben, die die Rohstoffe für die keramische Industrie hergeben. Vom Ziegelstein bis zur Fayence, vom Einmachtopf bis zum Münchener Maßkrug, von der Pfeife für den Mann auf Jamaika und der Wasserkühlflasche für den afrikanischen Neger wird alles hergestellt, genauer gesagt: wurde alles hergestellt.

Seit einem Jahre erlebt das Kannenbäckerland mehr eine strukturelle als eine konjunkturelle Baisse, die kaum ihresgleichen hat. Die meisten der etwa 225 Klein- und Mittelbetriebe (mit rund 2500 Arbeitern) arbeiten verkürzt oder liegen still. Die Zeit der Reichsmarkschwemme, als die Einkäufer von weither kamen, an den Brennöfen standen und den Kannen bäckern die Erzeugnisse förmlich aus der Hand rissen, ist schon lange vorüber.

Die Westerwälder „Eulen“ und „Wirker“, wie die Krugbäcker früher hießen, gaben sich schon vor dem Jahre 1600 eine eigene Zunftordnung „dero gesambten Kannen- und Krugbäcker“. Sie schufen schon vor Jahrhunderten ihre Gebilde der Töpferkunst: große Schenkkannen, geschmückt mit Zierat, Halsfriesen und Bildnissen berühmter Zeitgenossen. Beim Kannenbäckermeister waren Adel und Fürstlichkeit ständige Kunden, Ritter ließen sich ihre Wappen in glatte Zierkrüge arbeiten, Ranken und Blätterwerk, Reliefs und Medaillons, Vögel und Fabelwesen belebten die Krüge. Die Ritter des Dollars, Amerikaner nämlich, waren bis zum letzten Kriege gute Kunden. Sie bezogen in großen Mengen Bierkrüge mit Defregger-Bildern, Bierkrüge mit Musik von einem Viertel bis zu drei Litern Inhalt (wenn sie aufgehoben wurden, spielte automatisch eine kleine Musikplatte am Boden des Kruges) und große Bowlentöpfe mit Rhein- und Mosellandschaften und dazugehörier Burg (auch jetzt liegen schon wieder Anfragen von alten US-Kunden nach derartigen Krügen und Töpfen vor).

Porzellan und Steingut wurden die schärfsten Konkurrenten der Töpferwaren. Da man jedoch die alten Steinzeugtechniken, das Einritzen und Eindrücken („Red“ und „Kniebis“) wieder kultiviert und auf der Staatlichen Fachschule für Keramik in Höhr-Grenzhausen für eine umfassende Ausbildung des Nachwuchses sorgt, wird die Kunst des Kannenbäckerlandes die Zeit der Baisse überdauern. Walter Henkels