Ereignisse und Gestalten der Musik

Daß ein Musikwissenschafter, der mit Überzeugung auf dem Boden der Moderne steht, die Biographie eines Hochromantikers schreibt, ist ein seltener Fall und beweist eine schöne Freiheit des Blickes, deren sich nicht viele seiner Kollegen rühmen können. Es läßt aber auch eine neue Sicht auf das dargestellte Objekt erwarten. Diese Erwartung wird von Karl H. Wörner in seinem „Robert Schumann“ (Atlantis-Verlag, Zürich; 371 S.) voll erfüllt. Ist schon die Herleitung des musikalischen Schöpfertums Schumanns von der literarischen Romantik insbesondere Jean Pauls kein neuer Aspekt, so gewinnt der Verfasser daraus doch eine so präzise Spezialästhetik des Komponisten, wie sie bisher kaum geboten worden ist. Vor allem weist er einmal, gegenüber zeitüblichen Vorurteilen, die konstruktiven Werte nach, die auch aus diesen Quellen der Musik zuflössen, wenn eben ein „geborener Meister“ aus ihnen schöpfte. In klarer, anschaulicher Sprache werden die grundlegenden Einsichten an Werkanalysen bestätigt. Klar und anschaulich auch der eigentlich biographische Text, der zeigt, daß Sachlichkeit menschliche Wärme nicht ausschließen muß.

Eine originelle Gabe für Musikfreunde ist Dr. Paul Nettls „Casanova und seine Zeit. Zur Kultur- und Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts“ (Bechtle Verlag, Eßlingen; 187 S.). Am Leitfaden der weltberühmten Memoiren des großen Abenteurers werden seine teils flüchtigen, teils dauerhaften Beziehungen zu Sängern, Komponisten, Tänzern, Theaterdichtern und Theaterunternehmern dargestellt, wobei sich in der Tat ein ziemlich lebendiges Bild seiner musikalischen Epoche (natürlich vornehmlich des weiblichen Elements und insbesondere die Welt der Oper betreffend) ergibt. Ein interessantes Zwielicht – die Verhältnisse sind nicht völlig geklärt – fällt dabei über die Person des Abbé Da Ponte und eine nicht hinreichend verbürgte persönliche Begegnung mit Mozart auf die Konzeption des „Don Giovanni“.

Sehr anders ist das geistesgeschichtliche Milieu, in dem man sich bei der Lektüre des „„Strawinsky“ von Eric Walter White (Claassen Verlag, Hamburg; 247 S.) bewegt. Wer die bisherigen Strawinsky-Darstellungen und die Erinnerungen des Meisters kennt, also mit dem Stoff einigermaßen vertraut ist, findet hier zwar keine überraschenden neuen Erkenntnisse, doch viele Ergänzungen und Bestätigungen aus zuvor noch nicht ausgewerteten Einzelheiten. Das beweist, daß auch diese Gestalt bereits historisch geworden ist, daß ihre Umrisse und ihr Wesen feststehen, daß es an ihr nichts mehr zu deuteln gibt. Durch seine flüssige Diktion (Übersetzung von dem „Danton“-Komponisten Gottfried von Einem) ist das Buch allerdings hervorragend geeignet, auch Laien, die der Erscheinung Strawinskys noch nicht nahe gekommen sind, zu fesseln und an die Problematik einer einschneidenden Stilwende heranzuführen.

Dem Goethe-Jahr ein wenig nachgehinkt kommt ein sehr bemerkenswertes Buch von eigentümlicher, bleibender Bedeutung für die Forschung beider Gebiete: des literarischen und des musikalischen – also doch nicht „zu spät“. In gewisser Weise ein Pendant zu Nettls „Casanova“; aber noch mehr in das fachwissenschaftliche Detail gehend. „Goethe erlebt Kirchenmusik in Italien“ von Paul Winter (Verlag Hans Dulk, Hamburg; 130 S. in Großformat, mit umfangreichem Notenanhang). „Darstellung nach Selbstzeugnissen“ lautet der Untertitel; und der Autor – selbst Komponist und im Kreise um Pfitzner beheimatet – hat mit immensem Fleiß alle einschlägigen Vermerke Goethes aufgegriffen und weiterverfolgt. So entstand ein stilgeschichtliches Studienwerk, das seinerseits Quellenbedeutung beanspruchen kann und nicht zuletzt eine Fülle ebenso überraschender wie aufschlußgebender Querverbindungen aufdeckt. Für den „Nichtmusiker“ (also selbst den normalen Goethe-Kenner) dürfte vor dem Genuß dieser Lektüre allerdings die Bemühung stehen. Ist das Werk mithin einer wahrscheinlich ziemlich begrenzten Leserschaft Gewinn, so verdient der Mut und das Verantwortungsbewußtsein des Verlegers um so höhere Anerkennung, da er sich von der Sache niemals ein „Geschäft“ versprechen konnte und ihr dennoch obendrein eine äußerst würdige Ausstattung angedeihen ließ. Jedenfalls leistete er (neben dem Verfasser) damit ohne Frage einen der interessantesten Beiträge zur Goethe-Jubiläums-Literatur; einen der wertbeständigsten auf alle Fälle. A-th