Von Wolfgang Cordan

Es gelang dem Autor unseres Artikels, den griechischen Schriftsteller Themas Kornaros, der als fanatischer Kämpfer für die Wahrheit seinen Mut immer wieder mit Verhaftung und Verurteilung zu Freiheitsstrafen bezahlen mußte, in einem Lager in Griechenland zu sprechen, wo Kornaros wiederum seit 1949 von der Außenwelt abgeschnitten ist. Er schildert sein Schicksal als Beispiel für das vieler anderer Fanatiker der Wahrheit.

Themos Kornaros wurde im Jahre 1906 in einem Dorf Südkretas geboren. Er stammt aus einfachsten Verhältnissen. Leute seiner Heimat, die ich nach unserer erschütternden Begegnung in den Häfen und Weilern jener Küste sprach, berichteten von seiner Aufgewecktheit, dem glühenden Wissensdurst des Knaben. Er geht zur großen Stadt Athen und er sucht die Nähe des Schöpferischen, sei es auch nur als Elektriker oder Heizer in einem Theater. Er kann die Feuilletons der großen Zeitungen verschlingen, zwischen den bemalten Leinentüchern der Kulissen hört er die Worte von Aischylos, von Sophokles, von Pirandello und Claudel. Es erwacht in ihm aus der Begegnung mit der großen Leistung der eigene Gestaltungstrieb. Die Gespräche mit dem Mückenschwarm von Intellektuellen, der um die Szene herumschwirrt, lehren ihn dieses und jenes. Schon ist der Plan fertig: als Gärtner verdingt er sich bei den Mönchen des Berges Athos. Mehr als ein Jahr arbeitet er dort. Dann kehrt er nach Athen zurück und veröffentlicht den Roman vom Verfall der orthodoxen Kirche: „Der Heilige Berg oder Mönche ohne Maske“, ein Buch, das ihn mit einem Schlag berühmt macht. Alles das, was ein aufmerksamer Griechenlandreisender mit Befremden sehr bald entdeckt: die Schmutzigkeit, Geldgier, die Ungläubigkeit und den Zynismus des orthodoxen Klerus – Kornaros schildert es mit erschreckenden Einzelheiten in einem klaren, einfachen Stil, wie jemand schreibt, dem das Wert teuer ist. So hatte noch niemand in Griechenland geschrieben, niemand auch hatte bisher den Mut gehabt, das zu sagen, was alle wußten und täglich in den Kirchen sahen. Die Welle der Bewunderung trägt ihn steil empor, die Presse wirbt um ihn, und schon ist er auf einer großen Asienfahrt.

Dann macht sich der Unbestechliche zu einem neuen, gefährlicheren Abenteuer auf. Gibt es nicht an der Nordostküste Kretas die Insel Spina Longa, wo, wie man flüstert, die Leprakranken von Hellas unter unmenschlichen Verhältnissen dahinkümmern? Auf listige Weise infiltriert er sich auf diese Insel, sieht und leidet, steckt sich aber nicht an. So kann er sein zweites großes Buch veröffentlichen: „Spina Longa“, das einen Skandal erregt und Veränderungen in gewissen Ämtern zur Folge hat. Kornaros’ Ruhm ist nun fest gegründet. Er gehört in die Reihe der Sozialepiker von Zola bis Upton Sinclair. Vom ersten hat er gelernt, dem zweiten ist er an Gestaltungskraft gewiß nicht unterlegen. Seine Sehnsucht nach der Welt des Geistes, seine Rechtschaffenhei:, seinen Mut und sein Talent – alles dies hat er unter Beweis gestellt. Welches Wirkungsfeld liegt vor dem Dreißigjährigen! Aber jetzt schreibt unsere verwirrte und unselige Zeit die Daten seines Lebens.

Beim Ausbruch der Metaxas-Diktatur wird er verhaftet, seine Bücher und Broschüren öffentlicher Verbrennung anheimgegeben. Durch Interventionen wird er im Jahre 1938 freigelassen und das Schicksal gewährt ihm noch einmal zwei Jahre einer relativen, bespitzelten Freiheit. Dann kommen die Deutschen. Kornaros wird sogleich Mitglied der griechischen Resistence, der EAM. 1943 erscheint seine Schrift: „Wir werden nicht sterben“, die illegal von Hand zu Hand galt und eine Wirkung hat wie Vercors „Silence de la Mer“. Die Gestapo jagt ihm nach und erwischt ihn. Er erleidet alle Martern, überlebt sie aber und, noch halb tot, diktiert er das Buch des griechischen Freiheitskampfes „Chaidari“ (Die Lager). Noch im selben Jahre, im Dezember 1944, bricht der kommunistische Aufstand los. Diesmal sind es die eingreifenden Engländer, die der Sozialdemokraten in ein Konzentrationslager stecken. 1945 wird der Irrtum korrigiert. Doch was tut der Unselige? Er beklagt sich in einer Schrift, daß nicht einer der großen Wirtschaftskollaborateure bestraft wurde, die weiter in den Ministerien aus- und eingehen und Aufträge erhalten, als sei nichts geschehen. Zwei der namentlich Genannten strengen einen Prozeß an; in Ketten wird Kornaros nach Patras geschleppt, wo seiner Frau eine erschütternde Aufnahme gelingt, wie der Verhaftete zwischen den Gendarmen die Treppe zum Gericht hinaufwankt. Ja, die Frau! Hat man sie je benachrichtigt, hat man ihr Einblick in die Anklageschrift gewährt? Seit langem ist sie gewöhnt, nur durch Bestechung oder durch Freundeshilfe das Notwendigste zu erfahren. Und so vernimmt sie, ausgeschlossen und hilflos, die neue Hiobsbotschaft: zweieinhalb Jahre Gefängnis...

Auch diese Jahre werden abgesessen, und als Kornaros nach Athen zurückkehrt, haben die Amerikaner die Engländer abgelöst und führen die Demokratie ein. Kornaros glaubt aufatmen zu können, und da ihm nach all den Leiden die Kraft zu großen Werken noch fehlt, schreibt er in einer angesehenen Monatsschrift einen offenen Brief an einen jungen Dichter, in dem davon die Rede ist, däß heute die erste Pflicht eines Schriftstellers sei, der Unmenschlichkeit und dem Verbrechen entgegenzuwirken. Der Brief schließt mit der schönen griechischen Formel: „Liebe mich.“ Kornaros wird sofort verhaftet, im November 1949!

Es gelang mir, ihn in einem Lager ausfindig zu machen und ihn auch zu sprechen. Sein Gesicht war zerrissen wie der glühende Boden, auf dem er stand, ein unordentlicher schwarzer Bart mit viel Weiß bedeckte Kinn und Wangen. Ich schätzte ihn auf sechzig Jahre. Klar und exakt gab er Informationen, Namen, Daten, die einem Historiker zu Athen, Mitglied der Akademie, zu überbringen waren. Dann trug er Grüße an seine Frau und einige französische Dichter auf. „Wenn Sie von mir handeln wollen“, sagte er am Schluß, „dann nur, indem Sie mich als Symbol nehmen.“ Als Beweisstück bat ich ihn um sein Autogramm. Er nahm meinen Block und setzte fest an. Aber als er schrieb: Membre de l’union des êcrivains grecs, versagte seine Hand...