Paris, Anfang August

Schade, das „Vieux-Colombier“, in dem ich das vielberedete Stück von Jean Mougin hatte sehen wollen, war dienstags geschlossen. Es war schon gegen neun Uhr. Sollte ich, bei meiner nicht abzuleugnenden Ballettomanie, nicht suchen, eine Stufe „tiefer“, zumindest weniger feierlich, im Varieté auf meine Kosten zu kommen? Ich hatte irgend etwas von „Teresa und Luisillo“, einer Truppe spanischer Tänzer, gelesen; ich stieg in die Metro und fuhr hin, mit kühlen, auf nichts oder wenig gestellten Erwartungen.

Die Vorstellung hatte längst begonnen. Eine dickliche Sängerin in unvermeidlicher Mantilla sang mit rauhem Alt und monotoner Leidenschaftlichkeit spanische Schlager oder kommerzialisierte Volksweisen –: das hätte einem auch in Düsseldorf, Stuttgart oder Hamburg passieren können. Die nächste Szene war, mit einem Tisch und wenigen Farbstrichen angedeutet, ein Wirtshaus; links vor dem Tisch, zum Publikum hin, saß ein Gitarrespieler, am Tisch ein Mann mit einem Glas vor sich; zur Seite – stehend – ohne allzudick aufgetragene Folklore, zwei oder drei Dorfbewohner, wie man sie aus Hemingway kennt. Das ganze hätte, dem Farbakkord nach, und auch in der Anordnung und der ungerührten Stille, ein früher Juan Gris sein können. Der Gitarrist klimperte ein bißchen, aber so ganz für sich; die andern nahmen keine Notiz. Die sprachen, trocken aber heftig und herausfordernd. Dörfliche „Angebereien“. Natürlich verstand ich nichts, aber man „roch“ die Situation.

Der Gitarrist hatte aufgehört, die andern stritten weiter. Da fing einer an, sich in der Hüfte zu drehen und die Fußspitzen angriffslustig stampfend nach vorne zu setzen. Das Gerede wurde mit einem Male rhythmisch, chorisch, aber ohne Singen. Und der Zögernde begann, aufgestachelt wie zu einem Wutanfall, richtig und ausgreifend zu tanzen, im Takt des Geschimpfes zu steppen, auf die eingeworfenen „01eh“-Rufe hin zu springen; die Gitarre mischte sich ein, der Streit ging in Gesang über, Mädchen kamen hinzu und tanzten ebenfalls, der Trinkende ließ sein Glas stehen und begann zu rasen, Wirt und Kellner beteiligten sich, es bildeten sich Paare und mehrfigurige Gruppen, der Gitarrist verließ seinen Platz und rettete sich aus dem Gewühl an die vordere Rampe. Eine Handbewegung von ihm nach hinten forderte Schweigen. Die Truppe erstarrte im Augenblick zu einem vielköpfigen allegorischen Emblem.

Der Gitarrist hieß Angel Iglesias undsah fett, zigeunerhaft und ungeistig aus. Er zauberte nun aus den zehn Saiten seines Instrumentes, uralte Coplas variierend, bestürzende, ausschweifende Kaskaden einer Kontrapunktik heraus, wie unsereins sie vielleicht von ganz seltenen Höhepunkten eines abgründigen Spiels auf dem Cembalo kennt. Sein Cembalo hatte Iglesias aufs linke Knie geklemmt. Es rauschte in unerbittlich genauer Zartheit auf, sakral und klagend, wie die „Musette“ aus einem Englischen Konzert von Bach. Dann schwand das Sakrale, die Klage blieb; die Gruppe auf der Bühne, das erstarrte Polypenwesen, löste sich auf und geriet steppend, stampfend, klappernd in einen Orgasmus der Bewegung, aus dem sich allmählich ein düsterer, katzenhaft wendiger, bogenstraff gespannter Azteke nach vorn tanzte. Es war Luisillo; die andern hörten nach und nach auf und zogen sich in ihre Anfangsstellungen zurück, und der Gitarrist klopfte nur noch ein tonloses Stakkato auf seinem Schallraum. Aber das war begleitend – der Takt kam allein aus dem elementaren Klappern der zwei Füße, im Zweitakt, im Viertakt, im Sechzehnteltakt. Das Publikum hielt den Atem an, es herrschte zehrende Stille. Auf Minuten war es, als bestehe das Weltall nur noch aus den hörbaren Überschneidungen, den synkopischen Gegenrhythmen, in denen diese Füße – Schlagzeug aus ferner Vorwelt – den Boden erklingen machten. Das wurde nach und nach leiser, die Füße waren nur Klöppel, zart, rasch, genau. Dann brach, mit Entschiedenheit, alles ab.

Der Mexikaner Luisillo ist erst 21 Jahre alt. Mit Teresa, einer Spanierin aus dem Staate New York, kam er vorigen Winter ins iberische Mutterland, um sich die spanische Tradition einzuverleiben. Es gelang ihm, ihre Fundamente zu unterfangen – mit den härteren Praktiken der Nigger und der Indianer. Was dabei herauskam, an schneidender Präzision und gebändigtem Feuer, eröffnet aufregende Perspektiven: vielleicht wird von da aus eine Regeneration unseres ideenlos und schwächlich gewordenen Kunsttanzes sich ergeben. Albert Schulze Vellinghausen