Gewiß hatte der amerikanische Delegierte im Sicherheitsrat Warren Austin völlig recht, als er, zu dem Sowjetrussen Malik gewandt, sagte, die Welt sei es müde, noch länger Zeuge der „offensichtlichen und schamlosen Verdrehungen“ zu sein, mit denen die Politiker des Kreml die Tatsachen zu entstellen pflegen. Seine Regierung werde daher auch keine weiteren Worte mehr verschwenden, um den unendlichen Abgrund zu füllen, der zwischen den Erklärungen des sowjetischen Vertreters und der Wahrheit liege. In einem jedoch, so scheint uns, hat Malik der Wahrheit dennoch die Ehre gegeben, als er nämlich nicht wörtlich, aber deutlich genug den Kern der zukünftigen Politik des Kreml aufdeckte: Der Kampf in Korea, sagte er, sei ein Bürgerkrieg, und in einen Bürgerkrieg dürften auswärtige Mächte nicht eingreifen, sonst seien sie als Aggressoren zu behandeln.

Malik verweilte lange bei dieser These, und um sie zu begründen, erinnerte er an die Resolution, die der russische Außenminister Litwinow im Jahre 1933 im Komitee für Sicherheitsfragen des Genfer Völkerbundes eingebracht hatte, um den Charakter des „Angreifers“ international gültig festzulegen. Dort hieße es, so sagte Malik, daß als Aggression nur folgende Handlungen zu werten seien: Kriegserklärung eines Staates an einen anderen, bewaffnete Invasion auch ohne Kriegserklärung und das Bombardement eines Staates durch die Streitkräfte eines anderen. Von Bürgerkrieg sei in dieser Definition, die zwar nie ratifiziert, aber doch von allen beteiligten Staaten angenommen worden sei, an keiner Stelle die Rede. Und daraus ergebe sich, daß Bürgerkriege und revolutionäre oder gegenrevolutionäre Bewegungen sowie die Errichtung oder Beibehaltung eines politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Systems in einem Lande niemals ein Eingreifen von außen rechtfertigen können.

Gesagt wurde dies, um mit dem alten Falschspielertrick der Volte die Amerikaner als die schuldigen Angreifer in Korea hinzustellen. Sowohl der amerikanische Delegierte als auch sein englischer und französischer Kollege wiesen diese verlogene Beschuldigung gebührend zurück. Leider hatte keiner von ihnen den Text der Litwinowschen Resolution zur Hand. Sonst wäre ihnen gewiß aufgefallen, daß Malik den Punkt fünf im Genfer Vorschlag seines früheren Kollegen geflissentlich unterschlagen hat. Dort aber heißt es: Angreifer ist, „wer bewaffnete Banden, die in seinem Gebiet aufgestellt worden sind, und die ein anderes Land angegriffen haben, weiter mit Material unterstützt und sich weigert, trotz Aufforderung des angegriffenen Landes, auf seinem Gebiet alle ihm möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Banden jede Hilfe und jeden Schutz zu entziehen“. Was anderes eigentlich hat die Sowjetunion gemeinsam mit Rotchina vor und während des Korea-Krieges getan? Die Kerntruppen der nordkoreanischen Armee erhielten ihre Ausbildung bei den chinesischen Kommunisten und bei der Roten Armee. Die schweren Waffen und die Flugzeuge stammen aus Sowjetrußland und der Mandschurei. Und das Öl für die nordkoreanischen Raffinerien sprudelt auch nicht aus koreanischem Boden. Malik hätte wohl besser getan, die Litwinowsche Resolution nicht auszugraben, denn nach ihr müßte zweifellos die Sowjetunion als Angreifer gebrandmarkt werden.

Willentlich oder unwillentlich hat der sowjetrussische stellvertretende Außenminister in Lake Succes die Katze aus dem Sack gelassen. Wir haben hier seit über zwei Jahren immer wieder betont, daß die den Sowjets genehme zukünftige Form des Krieges der Bürgerkrieg ist. In diese Politik will der Kreml sich nicht hineinreden lassen – daher seine scharfe Reaktion im Sicherheitsrat. Wird man im Westen endlich begreifen, daß die Bundesrepublik eine Polizeitruppe braucht, die der Bürgerkriegsarmee der Sowjetzone widerstehen kann? Tgl.