Ein Fest zwischen Mozart und Messiaen

Aix-en-Provence, Anfang August

Aix hat sich 1948 in den Kranz der europäischen Festspielstädte von internationaler Bedeutung eingereiht. Sein Festival International de Musique, Frankreichs einziges Musikfest dieses Charakters und Umfangs, steht heute mit an der Spitze der Musikfeste Europas.

„Cosi fan tutte“ und „Don Giovanni“ sind hier gleichsam dekorative Sujets für ein Leben unter brennender Sonne, das geistig lebendig ist und viel natürlichen Sinn für das Kuriose und Ironische hat. Daher wohl gelang auch „Così“ besser als „Don Giovanni“, der hier Renato Capicchi hieß, blutjung war, mit einem Lorgnon bewaffnet auf Abenteuer ausging und keineswegs von einem Dämon getrieben wurde, der ihn dennoch unter Donner in die Flammen schickte. Beide Opern wurden von Hans Rosbaud, der mit Ernest Bour die musikalische Oberleitung hatte, mit dem ausgezeichneten Pariser Conservatoireorchester ganz auf Linie musiziert. Unter den Sängern aus Mailand, Wien und Paris ragten Suzanne Danco und Emmi Loose hervor. Regie führte Jean Meyer von der Comédie Française.

Mozart und diesmal auch Bach waren in viele der zahlreichen Konzerte eingestreut, die jeweils unter einem programmatischen Motto standen. Musiques oubliees – Titel auch einer Pariser Vereinigung mit Nadja Boulanger als geistigem Oberhaupt, die sich in Aix zugleich als Dirigentin betätigte –, Musique sacrée, Concert de Bei Canto, die jeweils Mozart, Vivaldi und Monteverdi allein gewidmeten Konzerte oder die aufschlußreiche Gegenüberstellung Bach-Bartok waren besonders gelungene Beispiele für den nahezu völligen Verzicht auf Romantik und Pathos. Dieses Prinzip war nur einmal durchbrochen, als Wilhelm Kempff seine Virtuosität mit der Neigung zu effektvoller „Dramatisierung“ an nicht gerade tauglichen Objekten der Geistigkeit romanischer Interpretationsweise gegenüberstellte.

Aix ist aber vor allem das Fest der Moderne. Darius Milhaud, ein echter Aixois, hat in Le Carnaval d’Aix und La cheminée de Roi Renee provenzalische Folklore reizvoll erneuert. Auric und Daniel-Lesur bewiesen, auf welch hohem Niveau das in Frankreich besonders intensiv kultivierte Gebiet der „angewandten“ Musik (Ballett, Schauspiel, Film) steht. Debussy, Ravel und Roussel werden hier als „Klassiker“ empfunden, was natürlich das allgemeine Interesse für die Schöpferischen Möglichkeiten unserer Zeit wesentlich fördert. Zwei europäische Erstaufführungen standen an der Spitze. Francis Poulenc spielte selbst sein neues dreisätziges Klavierkonzert (1949), das zunächst mit einer an Haydn und Schubert orientierten Melodienfülle geistreich operiert, um dann den mauvais garçon Poulenc hervorzukehren, der persiflierenden Humor liebt, mit rhythmischem Elan gewürzt. Die im Auftrag der Kussevitzki-Stiftung geschriebene Turangalîla-Symphonie von Olivier Messiaen (1948) dauert fünf Viertelstunden. Diese Riesendimension kann nur durch die suitenartige Reihung von zehn „Bildern“ bezwungen werden. Auch in dieser Partitur Messiaen geistert es wieder von geheimnisvollen indischen Rhythmen (Ein indischer Theoretiker des dreizehnten Jahrhunderts zählte 120 derartige rhythmische „Reihen“ auf, die jeweils an bestimmten Tagen gebräuchlich waren: die Begegnung Messiaens mit religiösen Musiksymbolen mathematischer Provenienz ist offenkundig.) Auch schicken wieder Vibraphon und Ondes Martenot ihre nicht immer wählerischen Melodiengebete gen Himmel, und ein überreiches Schlagwerk, dessen Herkunft (China, Indonesien, Türkei) wahrhaft weltumspannend ist, rhythmisiert das Mimmutwerk – eine Art musikalischen „Welsgottesdienst“ mit pietistisch-neubarocker Massierung der Mittel im Stile eines Neo-Berliozismus.

Auch für die Interpretation war eine auserwählte Künstlergarde aufgerufen: neben hervorragenden französischen Orchestern unter Leitung von Hans Rosbaud, Ernest Bour, Fernando Previtali, Charles Munch und Roger Desormiere erstklassige Chöre aus Straßburg und Rom sowie zahlreiche namhafte Solisten. So war das Musikfest von Aix ein glänzendes Zeugnis des kulturellen Lebens der Provence (ein eingesessener Großkaufmann fungierte als Mäzen) und übertraf an Gewicht die zahlreichen theatralischen Festspiele rundherum, die neuerdings wie Pilze aus dem alten Kulturboden Südfrankreichs emporschießen.

Hans Rutz