Daß der Ärztestand eine schwere Krise durchmacht, ja, daß er heute zu den ärmsten Berufständen zählt, dürfte allmählich auch der Allgemeinheit bekannt sein. Die Ärzte werden von den Krankenkassen (Reichsversicherungs-, Orts- und Betriebskrankenkassen) mit einer Pauschalsumme bezahlt, das heißt der Arzt bekommt für jeden Kassenpatienten von der Krankenkasse einen Arztschein, der heute im Durchschnitt etwa 4,– DM bedeutet. Für diese Summe muß er ein ganzes Vierteljahr den Patienten behandein, einerlei ob Sprechstunde oder Besuch oder Sonderleistung unter 10,– DM der Gebührenordnung in Frage kommt. Muß beispielsweise ein praktischer Arzt bei einem Patienten mit Lungenentzündung 10 Besuche machen, so bekommt er 4,– DM geteilt durch 10 gleich 40 Pfennig für den Besuch. Oder muß ein Facharzt für Behandlung eines chronischen Beingeschwüres 30 Verbände im Vierteljahr machen, so bekommt er 4,– DM geteilt durch 30 gleich 13 Pfennig pro Leistung. Oder muß ein Chirurg einen operativen Eingriff machen, für den die Mindesttaxe 8,– DM vorsieht, bei dem aber ein Abkochen der Instrumente, eine Narkose, die Desinfizierung des Arztes und des Assistenten und weiterhin eine Nachbehandlung mit mehreren Verbänden notwendig ist, so werden diese ganzen Leistungen mit 4,– DM abgegolten. Je öfter also ein Arzt einen Kassenpatienten behandeln muß, um so weniger bekommt er für die einzelne Leistung. Er verkleinert mit jeder neuen Leistung seine Pauschale, schädigt sich demnach mit Bewußtsein – aber aus Pflichtgefühl – selbst. Ein mit Patienten gefülltes Wartezimmer bedeutet also keinen vermehrten, sondern einen verminderten Verdienst, auf dem Boden vermehrter Arbeit! Wo gibt es so etwas noch?

Die angeführten Beispiele genügen, um das seit 1932 übliche Pauschalsystem als eine unhaltbare, unmoralische Einrichtung zu charakterisieren, Dieses System muß fallen und einer gerechten Bezahlung der Ärzte Platz machen, da sie sich nicht länger als Almosenempfänger der Krankenkasse degradieren lassen können. Wenn es die Hauptaufgabe der Krankenkasse ist, neben Krankengeldgewährung und so weiter für eine gute ärztliche Betreuung ihrer erkrankten Mitglieder zu sorgen, so ist selbstverständliche Voraussetzung eine angemessene Bezahlung für ärztliebe Leistungen. Unter entsprechender Bezahlung verstehen wir die Bezahlung der Einzelleistung unter Zugrundelegung der Mindestsätze der Gebührenordnung, die sich heute immer noch auf der ursprünglichen Armen-Taxe von 1815 (!) aufbaut. Diese Regelung muß bald erfolgen, sie tut bitter not, denn viele Ärzte wissen heute kaum noch oder überhaupt nicht, wie sie das tägliche Brot verdienen sollen, und arbeiten schon notgedrungen als Chauffeure, Straßenbahnschaffner und dergleichen.

Früher konnten die Ärzte das Minus der Kassenbezahlung durch die Einnahmen aus der Privatpraxis ausgleichen. Das ist heute nicht mehr möglich, nachdem jetzt 80 v. H. der Bevölkerung in Pflichtkassen sind. Die früher in Privatkassen versicherten Patienten, die eine Jahreseinnahme von über DM 3600,– hatten, fallen infolge der Erhöhung der Versicherungsgrenze auf DM 4500,– als Privatpatienten aus.

Der Einwand, es könne Mißbrauch mit der Bezahlung der Einzelleistung getrieben werden, ist hinfällig. Diese Art der Bezahlung bestand früher und besteht auch heute wieder bei den Ersatzkassen, vordem auch bei den Reichsversicherungskassen und wurde nicht beanstandet, weil wir in der Einrichtung der Prüfungsärzte eine genossenschaftliche Selbstverwaltung hatten, die eine Gewähr für Vermeidung von Mißbräuchen darstellte. Aber, so wird man fragen, kann eine solche Bezahlung der Einzelleistung von den Krankenkassen getragen werden? Dazu ist folgendes zu bemerken:

Der Anteil der Arztkosten an den Gesamtausgaben der Krankenkassen betrug vor dem Krieg etwa 25 v. H., ist aber heute auf 15 bis 17 v. H. gesunken. Der Anteil für Arznei und Heilmittel beträgt nach Mitteilung der Vereinigung der Ortskrankenkassen-Verbände vom 17. 11. 49 (auf ihrer ersten Bundestagung) 18,5 v. H. Rechnet man dazu etwa 7 v. H. Verwaltungskosten, so sind dies rund 40 v. H. der Kassenausgaben. Es bleiben also noch 60 v. H. Reserve. Wenn man davon die Summe abrechnet, die für Krankengeld Arbeitsunfähiger und für Krankenhauskosten verausgabt werden muß, so ist nach der bisherigen Erfahrung anzunehmen, daß noch eine genügend große Summe übrigbleibt, um die Ärzte besser zu bezahlen, vielleicht sogar, um die Beiträge zu senken.

Vor dem Krieg war es möglich, mit den Beiträgen der Versicherten Mammutkapitalien anzusammeln, die in Palästen mit kostspieliger Ausstattung und Unterhaltung angelegt, zum Teil aber auch in mündelsicheren Papieren gehortet wurden. Nach I. Eckert „Zur Neugestaltung der deutschen Sozialversicherung“, München, Verlag Dr. Gruber 1946, betrug das Vermögen der Sozialversicherung im Jahre 1913 bereits 3 Milliarden 520 Millionen Mark und erreichte bis Ende 1943 eine Höhe von 20 Milliarden! War das der Sinn der Sozialversicherung vom Jahre 1885? Damals wurde als Ziel aufgestellt, die finanziell wenig Begünstigten bei Krankheit und Siechtum zu unterstützen. Jeder Versicherte sollte das Recht auf ausreichende ärztliche Behandlung haben, sollte bei Arbeitsunfähigkeit Krankengeld erhalten; die notwendigen Arzneien sollten kostenlos gewährt werden, und bei ernsten Krankheiten sollte der Patient kostenlose Krankenhausbehandlung genießen. Wahrlich eine große soziale Tat!

Wenn auch anzunehmen ist, daß nach Zusammenbruch und Währungsreform die genannten Summen sobald nicht wieder erscheinen werden, so läßt sich doch aus den heutigen, zum Teil sehr hohen Beiträgen, zumal nach der Erhöhung der Pflichtgrenze und angesichts der vielen freiwilligen Beiträge – wer je einmal Stift war, darf, auch wenn er Direktor ist, freiwilliges Mitglied der Krankenkasse bleiben, was leider vielfach ausgenützt wird – schließen, daß die obengenannten 60 v. H. eine sehr namhafte Summe darstellen werden, die für eine gerechte und ausreichende Ärztebezahlung und zugleich für die nötigen Rücklagen durchaus genügen dürfte. Dies um so mehr, wenn man künftighin davon absehen würde, die über die notwendigen Reserven hinausgehenden Kapitalien wieder, entgegen der Zweckbestimmung der Sozial- und Krankenversicherung, anderweit anzulegen.