Der grobe Glanz von einst und ein neues Publikum

Von Martha Maria Gehrke

Baden-Baden, im August Im „Maison de Conversation“ wurde Theater gespielt; die Programme der Vorstellung waren auf Seide gedruckt; auf so verschiedenartige Seide, daß jede Dame ein Programm in der Farbe ihres Abendkleides erhielt. Das war 1859.

Während der Iffezheimer Rennwoche fand auf der Lichtenthaler Allee ein Blumenkorso statt. Das Konfetti, mit dem man die geschmückten Wagen bewarf, ging aus. Der Prince of Wales ließ aus der Küche seines Hotels alles vorhandene Gemüse holen und warf es statt des Konfettis in die paradierenden Wagen. Das war 1875.

Einmal gingen beim Taubenschießen 20 000 Tauben drauf, gar nicht so lang ist das her, 1882 war es. Aber da griff der Tierschutzverein ein, die lebenden wurden durch Tontauben ersetzt, und eine Generation später konnte man bereits 20 000 Menschen viel schneller umbringen als damals 20 000 Tauben.

Es ließe sich noch sehr viel mehr aus der Vergangenheit Baden-Badens erzählen, zumal seine Quellen, wie in jedem besseren Bad des Limes-Bereiches, schon den Römern bekannt waren und seine Spielbank in diesem Sommer auf eine zweihundertjährige Lebensdauer zurückblickt. Diese 200 Jahre waren keine ununterbrochene Kette der Freuden. Zeitweilig ging die Spielbank ins maquis, sie führte in Klubs und Privatvillen ein aufregendes Leben der Illegalität, unter der Protektion hochmögender internationaler Gönner. Die Zeit vorher war die des großen Glanzes, eines Glanzes übrigens, der ohne die Initiative der französischen Spielbankpächter – der bedeutendste war der „Zauberer Benazet“, der eigentlich Ben-Azet hieß und angeblich von Granadas letztem Maurenkönig abstammte – nie zustande gekommen wäre. Zu jener Zeit wurden die großen Prunkbauten errichtet, entstand recht eigentlich das Kurviertel am linken Oos-Ufer; Reichtum und Verschwendung des Zweiten Kaiserreiches herrschte in dieser badischen Sommerresidenz.

Die Spielbank endete mit der Saison 1872. Es gehört zu den vielen Seltsamkeiten der Hitlerschen Politik, daß er die Wiedereröffnung der Badener Spielbank, der einzigen in Deutschland, gestattete. Im Oktober 1933 war es so weit. Von der Pracht und Herrlichkeit der ersten Periode war nicht mehr viel zu sehen. Gespielt wurde übrigens standhaft über Bomben und Stalingrad hinaus bis zum 20. August 1944. Und jetzt jeuen sie wieder, seit dem 1. April 1950. In ein paar Monaten hat man das durch fünfjährige Besatzung einigermaßen mitgenommene neue Kurhaus mit einem Kostenaufwand von 250 000 DM wieder instand gesetzt. Es ist alles frisch geputzt, geweißt, vergoldet und poliert. Zum ersten Male ist die Spielbankgesellschaft samt all ihren Angestellten nicht französisch, sondern deutsch. 1200 Menschen können gleichzeitig in den neu eröffneten Kurhausgaststätten essen; im Frühjahr haben dort an einem einzigen Tag drei Kongresse stattgefunden. Die Kugel rollt, der Höchsteinsatz beträgt 6000 DM, und „Luxusbusse“ mit Bar und Stewardeß rollen täglich zwischen Baden und Stuttgart, Baden und Frankfurt hin und her. Der Rahmen ist wieder da. Was fehlt, ist der Inhalt. In diesen Sälen mit all ihrem Marmor, ihrem Gold, ihrer roten oder grauen Seide, ihrem Parkett und ihren Säulen wäre die grand monde von damals am Platz; auch die internationale Eleganz, wie sie da und dort noch existiert, ab 10 Uhr abends und nicht allzu häufig in Deutschland. Was sich hingegen an den gutbesuchten Wochenenden da herum bewegt, das war in früheren Zeiten hier nicht zu sehen. Nichts gegen die kleinen Geschäftsleute, bei denen in unserem bestürzend kontrastreichen Land das Bargeld am lautesten lacht. Warum sollen sie es nicht verspielen, wenn ihnen danach ist und der verarmte Staat dabei so hübsch profitiert? Aber das Stildurcheinander ist eine Diskrepanz. Wem keine Kongruenz von Form und Inhalt mehr möglich ist, dann stimmt etwas nicht. Auch ohne an die Elendskehrseite zu denken: diese Säle mit diesem Publikum scheinen so unzeitgemäß, daß es fast wie ein Alptraum wirkt.