Zehn Jahre lang hat Stefan Zweig den Spuren Balzacs nachgeforscht, hat Manuskript auf Manuskript gehäuft und hat dann doch das, was sein magnum opus werden sollte, nie beendet. Aus der Zusammenstellung des Freundes und Herausgebers Richard Friedenthal spricht – trotz gelegentlicher Wiederholungen – der Wille des Autors, die Diskrepanz zwischen der nie versiegenden Phantasie und dem immer wiederkehrenden Lebensschiffbruch des produktivsten französischen Romanciers zu zeigen (Stefan Zweig „Balzac“, Bermann-Fischer Verlag).

Wie Zweig eine Biographie über Fouché schreiben mußte (weil dieser Mann vor dem Hintergrunde der französischen Revolution es als kalter Rechner verstand, stets seinen Vorteil einzukalkulieren und darum ungebrochen aus allen Wandlungen hervorzugehen), so war er auch fasziniert von einem Menschen, den ein Unmaß von Widrigkeiten nicht hinderte, vierundsiebzig Romane und dazu noch eine Flut anderer Schriften zu bewältigen. Zweig selbst litt schon unter der kleinsten Unebenheit auf seinem Wege und konnte zuletzt dem Wirrsal nicht mehr widerstehen. Seine eigene Unzulänglichkeit gab ihm die Kraft zum Verständnis der Fehler dieses Riesen der Feder, gleichzeitig aber auch die Bewunderung seiner Stärke. Eine derartige Intensität an Einfühlung und Verständnis ist selten. Aus jeder Zeile spricht die Liebe und Verehrung, die selbst in der Kritik nicht schweigt und Zweig ein so klares Bild von dem Bauernsohn aus der Vendée entwerfen läßt, wie es in dieser Form zumindest in deutscher Sprache bisher nicht vorhanden war.

So eruptiv wie Balzac lebte, nachdem er di-Fesseln einer kalten Kindheit abgeschüttelt hatte, so vulkanisch raste er sich auch in seiner künstlerischen Arbeit aus. Was er auch tat, brach aus dem vollen Einsatz seiner Person hervor, gleich ob es sich um amoureuse, geschäftliche oder literarische Unternehmen handelte. Da er es aber in seinem ganzen Leben nicht lernte, den Zwiespalt zwischen seiner künstlerischen Phantasie (sie allein machte den Motor seines Daseins aus) und der Begrenztheit seiner Umwelt zu überbrücken, blieb sein persönliches Leben unerfüllt und läßt sich sein dichterisches in vielen Partien heute nicht mehr nachfühlen. Manches aus der Comédie humaine, die der aus finsterster Kolportagefabrik emporgestiegene Balzac nicht zu Ende führen konnte, hat die hundert Jahre nach seinem Ende nicht überdauert. Was aber standgehalten hat, rechtfertigt die Worte, die Victor Hugo an seinem Grabe sprach: „Särge wie dieser sind ein Beweis Für Unsterblichkeit...“ schl.