Von Georg Kossa

New York, im August

Gegen die Hitze, die über dem wirklich internationalen Broadway brütet, wo man mitunter brasilianische Senoritas einträchtig neben indischen Sahibs einhergehen sieht, helfen auch nicht ein Meer von Coca-Cola, Choco-Soda oder Gipfel von Ice-cream, die in den Luncheonettes verzehrt werden. Man beneidet die kleinen Alligatore und goldenen Fische, die bequem in ihren Aquarien schwimmen und in der Nähe der 42ten Straße für etwa 90 Cents pro Stück gekauft werden können. In geräumigen Buden sind exotische Shows zu bewundern; so etwas sieht man in Paris auf dem Montmartre zwar auch, aber nicht in so riesigen Maßstäben: Sirenen, die man für zehn Cents besichtigen darf. In der 45ten Straße beginnt das Reich exotischer Restaurants und Nachtbars; zur Exotik zählt hier auch Deutschland –: man sitzt in der prächtig ausgestatteten, Steuben -Taverne, raucht eine Havanna, trinkt ein Helles und denkt an Berlin. Die waiters sprechen deutsch und sind besonders höflich. Nicht weit davon gibt es echten italienischen Wein, Marsala oder Lacrima Christi im italienischen Restaurant „Barbera“. Ein gut aussehender, älterer Herr mit Schnurrbart sitzt in Gesellschaft schöner Frauen, spricht mit dem Padrone echt toskanisch und lacht. Es ist Ernest Hemingway, der mit Burns sagen kann: My heart is in the Highland, my heart is not bere ...“ Italien, wo er seine stürmische Jugend als Sanitäter des amerikanischen Expeditionskorps durchbrachte und Spanien, dem er seine tiefsten Impressionen verdankt, sind sein „Highland“, in Amerika ist er mehr Gast als Yankee, nicht umsonst ging ja auch sein Ruhm erst in Europa auf.

Mein Freund, mit dem ich diesen Spaziergang mache, ist ein unassimilierter Europäer, obwohl er seit zwanzig Jahren ansässig ist, ein Publizist und Dramatiker, der aber alles mögliche, nur nicht Literatur treibt. Er war Tellerwäscher, Packer, Tapezierer, Bäcker, Fahrer – in den ersten Jahren; nachher ging er zum Verkauf von Haushaltgegenständen und Postkarten über, zur Zeit hat er ein Geschäft mit Antiquitäten. „Es ist sehr schwer“, sagt er, „in Amerika mit der Dichtung anzufangen. Sie werden entweder als ein Verrückter betrachtet oder als ein Millionär, der sein Vermögen verheimlicht. Alles, was man hier macht, muß Dollars bringen, deshalb: the men is nothing, the work is all. Die Hauptsache ist hier Ihr job, wobei es völlig unwesentlich ist, was Sie machen, wichtig bleibt allein, was Sie dafür erhalten. Und sagen Sie, bitte, was kann man für eine Dichtung erhalten?“ Der Mann hat recht. Es gibt zwar professionelle Dichter auch hier, für die sogar eine Menge Zeitschriften wie Writer’s Digest oder Writer’s Review herausgesehen werden, und wo man erfahren kann, wie man eine short story oder ein Gedicht schreiben soll. Aber leider wird mit keinem Wort die Notwendigkeit der dichterischen Begabung als Voraussetzung jedes Schaffens erwähnt. „Wozu also?“ fragt mich mein Freund: „Sie müssen studieren, schwitzen, Reime aussuchen, sich den Kopf zerbrechen, wer Ihr Werk herausgeben würde... Ist es nicht viel besser, ganz einfach Nägel oder sonstiges zu verkaufen?“ Ich bin nicht ganz der Ansicht meines Freundes, aber ich muß zugeben, daß der Erfolg eines Thomas Wolfe oder Richard Wright, die hier tagsüber wie Schwerarbeiter, als Lehrer oder Clerks, schwitzten und in der Nacht ihre Romane schrieben, nicht nur ihr eigener Erfolg war, sondern ein symbolischer Sieg jener anonymen, aber heroischen Besessenen, die es nur dank ihres Willens und unerschütterlichen Glaubens an den Logos geschafft haben.

Über uns ist die Nacht, aber der Broadway ist hell wie am Tage. Es zittert in riesigen Buchstaben das Urteil eines der populärsten Kritiker der USA, Winston Winchell, über den neuesten Film. Überdimensionale Bilder von Hady Lamarr, Clifton Webb, Jane Powell und wie sie noch heißen, diese großen und kleinen Stars diesseits des Atlantik, prangen angestrahlt an den Häuserfronten. Im Schaufenster des Kinotheaters „Stanley“, das als einziges die Filmkunst der Sowjetunion zeigt, sieht man nur den übrigens veralteten Star Stalin. Aber irgendeine Cowboygeschichte zieht wesentlich mehr Zuschauer an als „Stalingrad“.

Zu bewundern ist es, wie die werdende Kultur Amerikas sich heldenhaft einen Weg durch diesen Dschungel der Plattheit bahnt, wie die starke Persönlichkeit eines unabhängigen Künstlers sich einen Ruf erwirbt, ohne auf den Geschmack der Manager und Massen Rücksicht zu nehmen. So heldenhaft erkämpfen sich ihren Plaz in der Geschichte der Theaterkunst die Bühnen von City-Center, das „Olney Theater“, das „Majestic Theater“ mit ihren Aufführungen der „Widerspenstigen Zähmung“, von „Cäsar und Kleopatra“ von B. G. Shaw, „The coctail Party“ von T. S. Eliot, „Lost in the Stars“ von Maxwell Anderson ... Schon das Auftreten einer Catharine Hepburn in der Titelrolle einer Komödie von Shakespeare kann den geborenen Pessimisten überzeugen, wie sich der Geist amerikanischen Theaters ändert.

New York ist, so sagt man, die europäischste Stadt Amerikas. Broadway ist die europäischste Ader New Yorks. Hier findet man ein Stück Paris, Wien, Berlin. Man kann sich leicht deutsch, italienisch oder französisch verständigen. An den Kiosken kauft man die Zeitungen aller Länder, von der Moskauer „Prawda“ bis zum „Osservatore Romano“ und der „Zeit“. In den Buchhandlungen findet man neben den Bestsellern von Hollbrook und John Hersey auch die letzten Werke von Hermann Hesse und J. P. Sartre. Die Schatten der Wolkenkratzer, des Empire-Building und Taft-Hotels, die teils an eine bizarre Gotik, teils an assyrische Paläste erinnern, liegen auf den hellgrünen Anlagen. Und abends weht ein kühler Wind vom Ozean