Von Walter Persian

In letzter Zeit mehren sich die Meldungen, nach denen Tibet von einer kommunistisch-chinesischen Invasion bedroht ist.

Tibet, das südliche Hochplateau Asiens, umgeben vom Himalaja, Karakoram, den Pamiren, dem Kwenlung-Gebirge und anderen Berggruppen, bietet das Bild einer Naturfestung. Es ist eine Steppenlandschaft, die stellenweise in unfruchtbare Hoch wüsten übergeht. Das Klima ist rauh, bitter kalt, und selbst mitten im Sommer gibt es oft Schnee. Und häufig verwandeln schwere Gewitter den Boden in Morast und machen die wenigen Karawanenrouten unpassierbar.

Der Verkehr bewegt sich mit Hilfe der Yaks, Schafe, Kamele, Esel und eines Tieres namens Dso, einer Kreuzung zwischen Yak und Hauskuh. Man kann die Karawanenrouten kaum „Straßen“ nennen. Es sind alte Wege, die zugleich dem Handel und der Wallfahrt dienen, doch selten sind sie ordentlich ausgebaut und nie gepflegt. Sie führen über hohe Gebirgspässe, die im Winter oder bei schlechten Wetterverhältnissen unbegehbar sind. Flüsse und Schluchten werden durch Brücken von schwerfälliger Holzkonstruktion überspannt oder einfach durch Seile, die einen Bohlensteg tragen. Wohl sind die Tibeter unternehmungslustige Handelsleute, aber für ein brauchbares Straßennetz hatten und haben sie nichts übrig. Ihnen genügt’s, daß sie an gefährlichen Paßübergängen, an Sümpfen und in den Wüsten die sogenannten La tsen finden. Diese mit Gebetsfahnen besteckten Stein- oder Sandhaufen dienen sowohl zur Abwehr böser Geister, als auch zur Orientierung für Pilger und Karawanen.

Einst planten freilich die Engländer und die Chinesen gemeinsam, eine Eisenbahnstrecke nach Tibet zu führen. Als sie aber sahen, daß sich die Kapitalien niemals verzinsen würden, gaben sie den Plan wieder auf. Hinzu kam, daß Tibet durch die anrainenden Staaten Rußland, China und Britisch-Indien auch politisch völlig isoliert war. Zwar hieß es gelegentlich, man müsse in Tibet nach Bodenschätzen graben. Aber die Lamas wollten nicht. Sie fürchteten, die unterirdischen Dämonen zu wecken, die der Bevölkerung, dem Vieh und der Ernte schaden könnten ...

Die strategische Situation

Und doch ist die Frage einer Militärischen Eroberung des Reiches der Lamas bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts im anglo-indischen und russischen, schließlich auch 1942/44 im japanischen und nordamerikanischen Generalstab erwogen worden. Vor siebenundzwanzig Jahren haben sogar einmal anglo-indische Truppen die Grenze von Indien nach Tibet überschritten. Trotz der für damalige Zeiten guten Ausrüstung erreichten die im Dezember 1903 über die Grenze gerückten dreitausend Anglo-Inder erst im August 1904 die Hauptstadt Lhasa. Und zwar waren die Schwierigkeiten allein durch die Unwirtlichkeit des Landes bedingt, denn mit dem größten Teil seines Gebietes erhebt sich Tibet um mehr als fünftausend Meter über den Meerespiegel. Man kann sich also leicht vorstellen, welche Strapazen die Soldaten der II. chinesisch-kommunistischen Armee erwarten, die nach neuen Meldungen angeblich in zwei Heeressäulen vom Norden und Osten zum Marsch auf die Grenze Tibets bereitgestellt wurden. Bis Mitte Oktober werden zwar die Witterungsverhältnisse in den tibetisch-chinesischen Provinzen Chinghai und Sikang für solche Operationen günstig sein. Aber die vier von Chinghai und Sikang nach Tibet führenden Karawanenrouten überqueren Hochpässe, die zwischen 4220 und 6000 Meter Höhe liegen. Und diese Straßen sind nicht trassiert, sondern nur durch Millionen von Yak-, Dso- Esel-, Kamel- und Schafhufen festgestampft, das heißt: sie sind für einen neuzeitlichen Kraftwagenverkehr, selbst für Panzer mit Raupenketten, unbenutzbar, sobald Unwetter den Boden tief aufweicht oder sobald durch Sandstürme der Lös in die Motoren dringt. – Als Tschiangkaischek vor fünfundzwanzig Jahren den Versuch unternahm, das tibetische Territorium der chinesischen Souveränität zu unterstellen, mußte seine Armee umkehren, weil sie über die an Tibets Ostgrenze befindlichen Hochpässe nicht hinweg konnte. Dabei hatten nicht etwa tibetische Truppen den Paßübergang verteidigt, sondern nur die Mörche der lamaistischen Klöster. Selbst mit Hilfe der leichten Artillerie konnten die Chinesen keine Entscheidung erzwingen, weil sie bei jedem Vordringen erst die auseinandergenommenen Geschütze zusammensetzen mußten, da sonst die Batterien nicht in Stellung gebracht werden konnten. Mit gleichen Schwierigkeiten aber wird heute auch Liu Po Tscheng, der Befehlshaber der II. chinesisch-kommunistischen Armee, rechnen müssen.