Truman Capote aus New Orleans, dreiundzwanzig Jahre alt, ist ein eigenwilliger junger Mann. Er trägt Zimpelfranzen wie ein Schulbub und altmodische großkarierte Westen oder Matrosenhemden. Er läßt sich liegend auf einem Sofa aus unserer Großväterzeit photographieren und hat es gern, wenn ihn die Zeitungen „the boy on the sofa“ nennen. Denn die Zeitungen sprechen viel von ihm. Er ist die literarische Sensation der letzten Monate. Sein Roman Other Voices, other rooms, ist ein Bestseller in den Staaten und wurde während der letzten Monate in viele Sprachen übersetzt. Soeben erschien (im Paul Zsolnay Verlag) auch eine deutsche Übersetzung von Elisabeth Pohr.

Vor einem Jahr arbeitete er noch für einen nicht sehr prominenten Politiker Reden aus, war Tänzer auf einem Flußboot, versuchte sich als Glasmaler und studierte die Wahrsagekunst bei der Hellseherin Acey Jones. Durch „Andere Stimmen, andere Stuben wurde er mit einem Schlage eine Berühmtheit. Time and Life nannten ihn „einen Kometen am dunklen literarischen Himmel“. Der Roman hat eine bildreiche Sprache, wie in Amerika sonst kaum einer: der junge Werfel hat so geschrieben. Auch an die Entdeckung Jean Cocteaus wird der Leser erinnert: an den neunzehnjährig gestorbenen Raymond Radiguet, der Le diable aux corps schrieb: Mit ihm hat Truman Capote die morbide Frühreife gemein. „So wenige Dinge finden ihren Abschluß!“ heißt es bei ihm; „was ist das Leben der meisten Menschen anderes als eine Reihe unvollendeter Episoden? Wir wirken im Dunkel, wir tun, was wir können, wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unser Leidensweg, und unser Leidensweg ist unsere Lebensaufgabe...“

Dies ist die Fabel: ein dreizehnjähriger Junge, Joel mit Namen, verliert seine Mutter. Eine entfernte Verwandte sorgt für ihn, bis ein Brief seines anderswo mit einer zweiten Frau lebenden Vaters eintrifft. Der Junge kehrt heim: in ein verwunschenes Haus in den Südstaaten. Der Vater ist unheilbar krank. Seine zweite Frau liebt den Jungen nicht, aber das Neger-Hausmädchen Missouri, genannt Zoo, und das Faktotum Sonnenstrählchen nehmen sich seiner an. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen Joel und dem Mädchen Isabel, einem Gassenmädchen. Aber die eigentliche Hilfe findet der phantasievolle, suchende Junge bei einem morbiden, früh weise gewordenen Vetter Randolph. Die Figuren lassen zuweilen an Stefan Zweig („Verwirrung der Gefühle“) denken, aber auch an Hermann Bang. Nur daß in alles die Atmosphäre von New Orleans hineinwirkt. R J.