Die Abfahrt in Amsterdam verzögerte sich. Das Schiff, ein ausrangierter Ostindienfahrer, mußte für die Reise nach Amerika erst repariert werden. Die Auswanderer bestanden aus deutschen Bauern, Handwerkern, Abenteurern; ein Dichter war auch darunter, Herr Niembsch von Strehlenau. Er hatte eine Unmenge Koffer für seine vielen Spazierstöcke, Schirme, Hüte, Handschuhe, Lackstiefel, Halstücher, Morgenröcke, auch Jagdgewehre, eine Geige, Zigarrenkisten, Berge von Toilettesachen, Trinkgläser je nach Getränk, die Lieblingstasse, Geschenke, Andenken, Koffer voll Erinnerungen, trüber, quälender Erinnerungen, die er mitnahm in die neue Welt. Da war die ruhelose Kindheit, die Mutter, arm und verhärmt, nachdem der Vater das ganze Vermögen am Spieltisch durchgebracht und einen frühen Tod gefunden hatte – das Gymnasium in Budapest, die Gnade der reichen Großeltern, das Studium in Wien – Philosophie, Juristerei und Medizin – nirgends ein letztes Wissen; da war Bertha, die untreue Geliebte, die nie verschmerzte Wunde, der Tod der Mütter – die ersten Gedichte voll Schwermut und Melancholie. Das Aufhorchen des Publikums. Die Scherereien mit der Polizei. "Sie haben ohne Lizenz den Dichternamen Nikolaus Lenau benutzt! Sie sind ein verdächtiger Freidenker!" So etwas wurde im Staate Metternichs nicht geduldet. Dafür gab es die Zensurbehörde, Vorladungen, Protokolle, Strafmandate. Er hatte sich ins freisinnige Württemberg geflüchtet, zu Schwab, Kerner, Mayer, Uhland und Pfizer. Und dann Lotte, Schwabs Nichte. Aber er konnte sie nicht heiraten, So sehr er sie liebte. Sein Herz war zu voll von Schwermut; auch hatte er nichts zu leben. Er war europamüde. Auswandern^ die einzige Rettung.

Drüben wollte er sich eine Existenz schaffen, tausend Morgen Land kultivieren und nach ein paar Jahren zum sechsfachen Preise verkaufen. Er träumte von Bären- und Opossumjagden. "Ich will meine Phantasie in die Schule, in die nordamerikanischen Urwälder schicken. Den Niagara will ich rauschen hören und Niagaralieder singen ..." Die Überfahrt dauerte zehn Wochen. In Baltimore angekommen, wäre er am liebsten umgekehrt. Das Leben im Boardinghaus gefiel ihm nicht. Auf Zureden reiste er dann doch ins Innere der Staaten und kaufte sich in Pennsylvanien an. Zum Farmer taugte er nicht. Er spielte lieber Geige. Die Amerikaner schüttelten die Köpfe, wenn er mit Glacehandschuhen die Axt ergriff, um Bäume zu fällen. Er ritt in den herbstlichen Urwald, aber Bären fand er keine, auch keinen Trost in der Natur. Er träumte von der ungarischen Heide und den Hügeln Schwabens. Heimweh befiel ihn. Mitten im Winter jagte er im Schlitten Hunderte von Meilen durch den vereisten Urwald. Dabei stürzte er und schlug sich ein Loch in den Kopf. Er wartete noch das Frühjahr ab, reiste zum Niagara und von da nach New York, wo er sich einschiffte.

Er atmete auf, als er in Bremen wieder die Alte Welt betrat. Da waren die Freunde, da war sein Wien, sein Café Neuner, da war vor allem der Ruhm. Seine schwermütige Lyrik, die das menschliche Leid in allen seinen Modulationen besang, fand begeisterten Anklang, weil sie die Stimmung der Zeit traf. Im Café Neuner war er der interessanteste Gast, der sogar Amerika kannte, und hier spann sich auch sein Verhängnis an. Durch einen Kaffeehausfreund lernte er Sophie von Löwenthal kennen, und es dauerte nicht lange, so war er der bezaubernden Frau völlig verfallen. Die unglückliche Liebe wuchs zu einer rasenden Leidenschaft an, die seine Kräfte verzehrte, seinen Geist entnervte. In zehn Jahren einer wildbewegten Liebestragödie brachte es Sophie dahin, daß aus dem Gemütskranken der Geisteskranke wurde. Nach einem Schlaganfall verfiel der Zweiundvierzigjährige in geistige Umnachtung.

Als er am 22. August 1850 starb, war sein Geist längst erloschen, aber seine Lieder überlebten ihn, Lieder von wunderbarem Wohllaut und gedankenvoller Melancholie, in denen er mit Vorliebe die Nacht besang. C. W. Schrempf