Man ist ganz allgemein in den westlichen Ländern verblüfft über die mangelnde Bereitschaft der deutschen Bundesrepublik, sich aufrüsten zu lassen. Die zurückhaltenden Reden der deutschen Delegierten in Straßburg haben in den Vereinigten Staaten ein unfreundliches Echo ausgelöst. Man sprach in der Presse von Unaufrichtigkeit und List, man warf den Deutschen vor, sie hätten offenbar den Plan, eine günstige Situation auszunutzen und sich den deutschen Beistand möglichst teuer bezahlen zu lassen. So sehr ist im Ausland immer noch das Klischee vom deutschen Militarismus verbreitet. Man glaubt ernstlich, man brauche einem Deutschen nur von ferne ein Gewehr oder gar eine Kanone zu zeigen, um ihn sogleich in jubelnde Begeisterung zu versetzen. Nun staunt man, weil es sich erwiesen hat, daß dies in keiner Weise zutrifft. Doch ist das in der Tat verwunderlich?

Der letzte Krieg endete – und das ist erst fünf Jahre her – mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Man wollte den Deutschen wirklich einmal zeigen, wohin es führt, wenn man kriegerisch ist. Und so errichtete man ein caudinisches Joch, reeducation genannt, und unter dieses Joch zwang man die ganze deutsche Bevölkerung des westlichen Besatzungsgebietes. Fünf Jahre lang wurde ihr beigebracht, daß Männer ihrer Geschichte, die sie bisher verehrt hatte, Bismarck etwa oder Friedrich der Große, reaktionäre Junker oder Kriegsverbrecher gewesen seien. Fünf Jahre lang wurde den Deutschen gepredigt, daß das Soldatsein für sie vom Übel sei. Mit einem jener unerträglichen schwarzweißen Kollektiv-Urteile wurde festgestellt, daß alle deutschen Soldaten, weil sie Hitler gefolgt wären, ihre Ehre verloren hätten. Es war verboten, ihnen Pensionen zu zahlen. Zur Abschreckung wurden höhere Offiziere verurteilt, für Taten, die auch auf der anderen Seite begangen worden sind. Man wollte den Deutschen endgültig verleiden, wieder Krieg zu führen, und – es läßt sich nicht leugnen – dieses Ziel der Umerziehung ist zum großen Teil wirklich erreicht worden. Mit Recht hat der Abgeordnete Gerstenmaier im Straßburger Europarat gesagt, daß die Mehrheit des deutschen Volkes gegen eine deutsche Wiederaufrüstung sei. Nun aber zeigt sich, daß die Westmächte diesen von ihnen so sehr erstrebten Erfolg äußerst unerfreulich finden.

Im Grunde genommen hatten sie eigentlich nie an ihn geglaubt. Das Klischee des militaristischen Deutschen war für ihr Denken so bestimmend gewesen, daß sie ihre eigene Erziehungsarbeit für mehr oder weniger vergeblich gehalten hatten. Immer wieder hörte man von Engländern und Amerikanern resignierte Äußerungen, man müsse leider feststellen, die Deutschen seien nun einmal nicht zu ändern. Eines aber hatte man übersehen: die Deutschen neigen dazu, bei allen geistigen Fragen ins Extrem zu gehen. Man hat ihnen so lange über die Segnungen des Föderalismus und der Friedfertigkeit Predigten gehalten, daß sie nun extrem föderalistisch und extrem pazifistisch geworden sind.

Propaganda, denn dazu gehört leider auch der Begriff reeducation, wenigstens die Form, die wir genossen haben, braucht immer eine gewisse Zeit, bis sie, auch wenn sie eingestellt worden ist, sich totgelaufen hat. Darüber haben die westlichen Mächte in der jüngsten Vergangenheit eigentlich genug Erfahrungen sammeln können. Es hat sie selbst eine geraume Zeit gekostet, bis sie ihren eigenen Völkern klarmachen konnten, daß Stalin nicht – wie sie vorher immer gesagt hatten – der gute alte Onkel Joe ist. Wieso erwartet man da eigentlich, daß die höchst wirkungsvolle alliierte Propaganda gegen den Militärdienst in Deutschland von einem Tag zum anderen ihre Wirkung verlieren soll?

So wäre es denn besser, wenn man im Ausland versuchte, die deutsche Zurückhaltung gegenüber der Frage der Aufrüstung nach der vorhandenen Situation nüchtern zu werten. Tut man dies, so kommt man zu dem Ergebnis, daß auch die deutsche Regierung wie jede andere Rücksicht auf die innenpolitische Lage nehmen muß. Angesichts der Stimmung, die in der deutschen Bevölkerung durch eine jahrelange Propaganda der Alliierten erzeugt worden ist, sollte daher die Stellungnahme der deutschen Delegierten in Straßburg, der Regierungsparteien wie der Opposition durchaus mutig und einsichtsvoll genannt werden. Alle Delegierten traten im Prinzip dafür ein, daß die Bundesrepublik an der Verteidigung Europas durch die Aufstellung von Kontingenten für eine europäische Armee teilnehmen solle. Die Sozialdemokraten – in Fragen der Europapolitik merkwürdig starr und doktrinär – meldeten allerdings den Vorbehalt an, daß zuerst eine europäische Bundesregierung geschaffen werden müsse, bevor man an die Aufstellung einer Armee denken dürfe, während die Vertreter der Regierungsparteien der Meinung von Winston Churchill waren, daß eine solche Regierung aus der Zusammenfassung von Einzelaktionen wie der Durchführung des Schuman-Planes und der Aufstellung einer europäischen Armee von selbst entstehen würde.

So könnten wir Deutschen also mit dem bisherigen Ergebnis von Straßburg zufrieden sein, und es würde sich nun nur noch darum handeln, daß seitens der Bundesregierung und der Abgeordneten des Bundestages dem deutschen Volk auf vernünftige Weise auseinandergesetzt wird, warum es an der Zeit ist, uns an der europäischen Aufrüstung zu beteiligen? O nein – leider liegen die Dinge keineswegs so einfach. Der europäische Enthusiasmus von Straßburg ist ganz ohne Zweifel sehr schön, aber wir liegen heute im Vorfeld von Europa, wir gehören ihm ja auch sichtbar vollberechtigt noch nicht an, und für uns gilt heute manches, was für das übrige Europa nicht gilt.

Es mag richtig sein, daß allen westeuropäischen Ländern in naher oder ferner Zukunft ein Krieg droht, uns aber ganz allein droht ein Bürgerkrieg. Man bilde sich doch bitte nicht ein, daß die Anwesenheit alliierter Truppen die rote Bürgerkriegsarmee der Sowjetzone irgendwie hindern könnte, in die Bundesrepublik einzufallen. Man braucht gar nicht, wie in Korea, zu warten, bis alle Besatzungstruppen abgezogen sind. Warum soll man nicht schnelle Einfälle durchführen, die mit gleichzeitigen Aufständen der vorhandenen kommunistischen Sabotage-Kaders in der Bundesrepublik verbunden sind? Die alliierten Truppen dürften viel zu schwach und zu unbeweglich sein, um die gesamte Zonengrenze effektiv schützen zu können. Sie werden meist zu spät kommen und nichts mehr ausrichten können. Andererseits können sie an der Grenze in Kämpfe verwickelt werden, die zu weitgehenden politischen Komplikationen führen müssen. Auch würde ein Kampf zwischen deutscher Polizei und alliierten Truppen auf viele Deutsche keinen guten Eindruck machen. Dies alles sind Phantasien? Dei koreanische Krieg hat gezeigt, daß man genau hinhören soll auf das, was in dem kommunistischen Teil der Welt als Programm verkündet wird. So sollte man es ruhig ernstnehmen, daß den Kommunisten Westdeutschlands versprochen worden ist, in einem halben Jahr werde die Volkspolizei in die Bundesrepublik einmarschieren.