F. G. Rom, im Juli

Inmitten der Korea-Psychose hat man kaum beachtet, daß in diesen Wochen in Lake Success die „Kleine UNO“ zusammengetreten ist, um über das Schicksal Eritreas – die italienische Ex-Kolonie, über der heute noch der Union Jack weht – zu diskutieren. Die Indifferenz der westlichen Weltöffentlichkeit gegenüber den Problemen der kolonialen und halbkolonialen Völker, hat in Ost- und Südostasien ihre ersten Früchte gezeitigt: dort hat das Unverständnis der Kolonialmächte für die Forderungen der farbigen Völker dem Kreml eine der glänzendsten propagandistischen Waffen geliefert, derer er sich heute bei dem Versuche bedient, den ersten Verteidigungsgürtel der westlichen Welt an seiner empfindlichsten Stelle zu durchstoßen.

Eritrea würde zur zweiten Verteidigungslinie gehören. Seine geographische Position als Randgebiet des Roten Meeres dicht am engen Ausgang zum Golf von Aden hin würde ihm – zusammen mit Ägypten – eine doppelte Funktion zuweisen: den ungefährdeten Durchgang durch das Rote Meer zu sichern und Afrika gegen Asien zu verteidigen. Es kann kein Zweifel über die Fernabsichten Moskaus auch in Nordafrika bestehen. Wenn die Pläne der bolschewistischen Agenten zur Aufpeitschung der arabischen Völker unter der Roten Fahne bisher im wesentlichen fehlgeschlagen sind, so hat das seine Gründe darin, daß die „Wiedergeburt“ der arabischen Welt, die wir in diesen Tagen beobachten, ihre geistigen Kräfte aus der Kulturtradition der eigenen Geschichte ziehen kann. Während der Kreml so dazu verurteilt war, in der Frage des Kampfes um die nationale Unabhängigkeit eine vollkommen unbedeutende Rolle zu spielen, spekuliert er heute darauf, daß die Araber bei der Lösung der zu erwartenden sozialen Probleme bei ihm Zuflucht suchen werden.

Zweifellos wird es von der UNO-Entscheidung über Eritreas zukünftige politische Gestaltung abhängen, ob die Moskauer Agententätigkeit in dieser Ecke Afrikas auch weiterhin vereitelt werden kann.

Die fünfköpfige UNO-Kommission, die in der ersten Hälfte dieses Jahres Eritrea bereiste, hatte die Aufgabe, alle Elemente zu sammeln, die einer Lösung der eritreischen Frage im Interesse der Eingeborenen hätten dienen, können. Indessen haben die Mitglieder der Kommission selbst über die politischen und wirtschaftlichen Aspekte des Landes keine einheitlichen Gesichtspunkte erreicht. Während die Vertreter Guatemalas und Pakistans fordern, daß Eritrea für einen Zeitraum von zehn Jahren unter die Trusteeship der UNO gestellt und von einem Konsultativ-Rat aus Vertretern der USA, Abessiniens, Italiens, eines arabischen und eines lateinamerikanischen Staates unter Mitwirkung einheimischer Elemente verwaltet wird, um nach Ablauf dieser Periode die staatliche Unabhängigkeit zu bekommen, sind die Vertreter Burmas, Südafrikas und Norwegens der Meinung, daß das eritreische Volk für die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit noch nicht die nötige Reife besitze. Burma und Südafrika schlagen die Bildung eines autonomen eritreischen Staates vor, der mit Abessinien in einer Föderation vereinigt werden solle, wobei die Autonomie sich auf die innere Verwaltung und die gesetzgebende und ausführende Gewalt erstrecken müßte, während der Negus als föderatives Oberhaupt die Verteidigung, die Außenpolitik, das Steuer- und Finanzwesen und den Außenhandel zu regeln hätte; diese Regelungmüßte nach einer dreijährigen Interimsperiode in Kraft treten, während die Vertreter Großbritanniens, Ägyptens und Abessiniens im Auftrage der UNO die Übertragung der Gewalten in die Eritreer und eine föderative Verfassung vorzubereiten hätten. Norwegen endlich vertritt die These einer vollkommenen Annektion durch Abessinien.

Es scheint, daß die „Kleine UNO“ – an der die UdSSR übrigens von Anbeginn die Mitarbeit. verweigert hat – die norwegische These der Annektion an Abessinien ebenso wie die englische der Aufteilung Eritreas an Abessinien und den Sudan von vornherein zurückstößt. Der Kampf der Delegierten geht um Unabhängigkeit oder Föderation. Für die Unabhängigkeit hatten sich zuerst die größte Zahl der lateinamerikanischen Republiken und die arabischen Staaten – die dem christlich-koptischen Abessinien begreiflicher weise feindlich gegenüberstehen – ausgesprochen; Italien, das seine Erwartungen auf Rückerwerb der Kolonie längst aufgegeben hat, schloß sich dieser These an, wohl in der Hoffnung, daß die italo-eritreischen Elemente, die noch immer wesentlich die Wirtschaft kontrollieren, in einem inabhängigen Eritrea einen entscheidenden Einfluß auch in Zukunft würden ausüben können. Indessen scheint die größte Zahl der UNO-Delegierten heute zur Föderation zu neigen. Die jungen exkolonialen Republiken Asiens haben bisher überall gefährliche Tendenzen aufgewiesen, sich in „Volksrepubliken“ zu verwandeln: der Gewißheit, daß im Laufe kürzester Zeit ciese Tendenz auch in einer eritreischen Republik zutage treten würde, scheint man zuvorkommen zu wollen, indem man über die Eritreer die Krone des Negus stülpt. Man sollte aber nicht vergessen, daß es auch in Addis Abeba eine reiche Kolonie sowjetischer Diplomaten und Ärzte gibt...