Wer ist das, fragte ich leise meinen Nachbarn, als ich lange vor dem 20. Juli 1944 im Freundeskreis des Grafen Peter Yorck zum erstenmal einen kleinen, gedrungenen, vital und urwüchsig aussehenden Mann mit einer randlosen Brille sah. Das ist Eugen Gerstenmaier, ein protestantischer Theologe, der in der einen Tasche die Bibel, in der anderen einen Revolver trägt, war die Antwort. Und in der Tat wirkte dieser Mann nicht wie einer, der auch noch die linke Backe hinreicht, wenn er einen Streich auf die rechte bekommen hat – man konnte sich eher vorstellen, daß er den Kopf ein wenig senken und die Ärmel hochkrempeln würde.

Jene etwas sarkastische Antwort traf auf einer tieferen Ebene durchaus ins Schwarze. Eine geballte Dynamik, die zur Tat drängt und gleichzeitig die Möglichkeit zu einer echten Verinnerlichung, der Wunsch, weit hineinzugreifen ins praktische Leben, um die Wirklichkeit zu gestalten und dabei die Fähigkeit, mit einer hochgespannten Antenne die Zeichen der Zeit und gewissermaßen die Wellenlänge der geschichtlichen Strömungen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu formulieren, das ist es, was Gerstenmaier charakterisiert. Und das ist wohl auch die Polarität, die sein wechselvolles Leben bestimmte.

Als er 1934 zum erstenmal wegen „Anstiftung zum bewaffneten Aufruhr“ vonder Gestapo verhaftet wurde, hatte er, damals 28jährig, gerade zum zweitenmal umgesattelt, nach achtjähriger kaufmännischer Tätigkeit in der Industrie hatte er begonnen,in Tübingen Philosophie zu studieren, war aber bald darauf umgestiegen in die theologische Fakultät und habilitierte sich 1936, nach der Promotion, an der Berliner Universität. Aber schon 1937 Verde ihm die Dozentur wieder entzogen. Zwei Jahre später kam er dann ins Außenamt der Evangelischen Kirche in Berlin; eine Stellung, die es ihm während des Krieges ermöglichte, den Kontakt mit dem Ausland weiterhin aufrechtzuerhalten und seine ganze Warmherzigkeit und Aktivität für die Kriegsgefangenen und Lagerinsassen einzusetzen.

Herrisch, robust, unverbindlich, immer aktiv, leidenschaftlich von jeder Gefahr und jedem Kampf angezogen, auf den ersten Blick ein unverfälscht rustikaler Typ seiner schwäbischen Heimat, fühlt sich der CDU-Abgeordnete Oberkonsistorialrat Gerstenmaier gewiß im praktischen Leben der heutigen Wirklichkeit und ihren Problemen mehr zu Haus als in der Tradition protestantischer Dogmatik oder kirchlicher Bürokratie. Sein Christentum drängt zur Tat, zur Linderung der sozialen Not, zur Reaktivierung der Kirche und der Diakonie in den Gemeinden und schließlich auch zur Errichtung eines einigen Europa, für das er als Mitglied der deutschen Delegation jetzt in Straßburg kämpft.

Mag sein, daß er manchen Amtsbrüdern ein Ärgernis ist. Mag sein, daß viele sich gefragt haben, was hatte ein Mann im schwarzen Rock am 20. Juli unter den aufständischen Offizieren in der Bendlerstraße zu suchen? Weniger aber werden sich ehrlich fragen, ob auch sie die Kraft gehabt hätten, nach tagelangen Mißhandlungen während der Gestapo-Verhöre, in einem herausgeschmuggelten Brief, an die Frau eines damals schon hingerichteten Freundes zu schreiben: „Weißt Du, die Erfahrungen hier lassen sich sehr kurz in zwei Erkenntnise zusammenfassen, erstens: Deus est, zweitens: pro nobis.“

Seit die Amerikaner ihn im Mai 1945 aus dem Zuchthaus zu Bayreuth befreiten, hat Eugen Gerstenmaier ohne Zeitverlust zugepackt: das Evangelische Hilfswerk, die größte deutsche Wohlfahrtsorganisation, die heute fast ein wirtschaftlichen Konzern ist, entstand unter seiner Führung, mit Kleinindustrie, Möbelfabriken, einer Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft. Eine neue Flüchtlingsstadt Espelkamp mit 5000 Flüchtlingen wuchs aus den Trümmern einer Hitlerschen Munitionsanstalt, und immer neue Projekte kommen dazu.

Die Zielsetzung dieses Dynamikers, dessen geistig-menschliche Heimat der Kreisauer Kreis war, verlagert sich allerdings immer stärker in Richtung seiner eigentlichen Leidenschaft, der Politik. Aber es fehlen die Freunde von ehedem, starke, unabhängige und kritische Freunde, die diskutieren, eindämmen, korrigieren und nicht nur willfährig Weihrauch streuen. Bismarck hat einmal – gesagt, ein Mann taugt soviel wie die Summe seiner Eigenschaften abzüglich seiner Eitelkeit. Gerstenmaier hat viele großartige Eigenschaften, und vor allem, er ist mutig, was vielleicht keine Eigenschaft, sondern ein Zustand ist. Je kleiner jene zu subtrahierende „Größe“ wird, desto sicherer wird die Karriere sein, die vor ihm liegt. Marion Dönhoff