Im Jahre 1810 lief eine englische Fregatte den Hafen von Buenos Aires an. An Bord befanden sich drei Männer, die aus Spanien in ihre südamerikanische Heimat zurückkehrten, um sich an den seit zwei Jahren hin und her wogenden Kämpfen um die Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialherrschaft zu beteiligen.

Einer von ihnen war der damals 34 Jahre alte José de San Martin, ein geschulter Berufssoldat. Sein Vater war spanischer Infanteriehauptmann, und an der Grenze gegen Brasilien am Uruguayfluß ist José in Yapeyu (heute San Martin) im Jahre 1778 geboren. Sehr früh kam er nach Spanien, wurde im Adelsseminar in Madrid erzogen und brachte es durch Mut und Tapferkeit im Kampf gegen die französische Invasionsarmee bis zum Oberstleutnant. Ihm fehlten die guten Verbindungen seiner Reisegefährten, doch einen Mann mit einer gründlichen militärischen Ausbildung konnte man damals kaum übersehen. Er bekam ein Kommando im jungen argentinischen Heer –: Das waren Milizen ohne Ausbildung, ohne Manneszucht, ungenügend ausgerüstet und ohne festen Zusammenhalt. Das erste, was der pedantische Soldat schuf, war ein Regiment, auf das er sich auch im europäischen Sinne verlassen konnte. Wie wenig Männer gab es damals inmitten der Ereignisse, die den kühlen Blick für das Mögliche bewahrten. Unter dem Amateurstrategen Belgrano war die argentinische Armee nach Peru gezogen, um dort die spanische Herrschaft zu beseitigen, obwohl dieser Versuch schon einmal gescheitert war. Das Ergebnis war die völlige Vernichtung des argentinischen Heeres auf der Hochfläche gewesen, die rund 3000 Meter über der argentinischen Pampa liegt. Belgrano war froh, als er sein Kommando an San Martin abgeben durfte, der erkannt hatte, daß der Krieg nur gewonnen werden konnte, wenn Chile wieder aus der spanischen Herrschaft gelöst und von dort der Angriff zur See nach Lima vorgetrieben würde. Ein Scharfblick, den man bewundern muß, da die Möglichkeiten, einen solchen kühnen Plan durchzuführen, kaum vorhanden waren.

Aber San Martin ging daran, die Voraussetzungen für sein Vorhaben zu schaffen. Er verzichtete auf das scheinbar glänzende Kommando und ging als Gouverneur nach Mendoza an der Grenze von Chile. Dort hat er eine Armee aus dem Nichts geschaffen, ein kleines Heer von 4000 Mann, das über die Anden, über Pässe von 3800 und 4000 Meter Höhe gegen einen vorbereiteten und zahlenmäßig überlegenen Feind anrückte.

Das war nicht das kühne Wagnis eines verwegenen Spielers, keine Eingebung des Augenblicks, sondern die Frucht eingehender und abwägender Überlegungen. In Mendoza steht heute das Denkmal des Andenheeres. Über den Reitern erhebt sich mit aufgereckten Armen, die die Ketten der Sklaverei zerbrochen haben, die Siegesgöttin. Und vor dem Felsen reitet der Feldherr, eingehüllt in den Mantel, die Arme verschränkt, den Blick nach vorn gerichtet Als Soldat hat San Martin nach der Überschreitung der Anden den Sieg von Chacabuco erfochten, als Politiker hat er in der folgenden Zeit des Wiederaufbaues im befreiten Chile nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. Er hielt sich eng an den Chilenen O’Higgins, dem er nicht nur den Befehl über die chilenischen Truppenteile anvertraute, sondern den er auch in das höchste politische Amt berief. Eine Zusammenarbeit mit dem erklärten, Führer der aristokratischen Partei, mit dem jugendlichen Feuerkopf Carrera, seinem alten Reisegefährten auf der Fahrt nach Südamerika, lehnte er ab. Als dieser mit einer kleinen geworbenen Kriegsflotte aus Nordamerika in Buenos Aires eintraf, ließ er ihn verhaften und standrechtlich in Mendoza erschießen. Freunde hat er sich damit in der chilenischen Aristokratie nicht gemacht. Das mußte um so schwerer ins Gewicht fallen, als San Martins Freunde in Buenos Aires durch eine neue Revolution abgesetzt wurden und die neue Regierung das argentinische Heer aus Chile abberief. Es blieb San Martin nichts anderes übrig, als ein chilenisches Heer aufzustellen, wenn er seinen großen Plan verwirklichen wollte, die spanische Macht in ihrer Kernstellung, in Peru anzugreifen.

Als das kleine Heer endlich in See stechen konnte, führte es die chilenische Fahne. Es war von einer chilenischen Flotte beschützt. Die Kosten waren von der jungen chilenischen Republik aufgebracht worden. Die Flotte wurde befehligt von dem englischen Abenteurer Lord Cochrane, an dessen Mut und Seemannskunst niemand zweifelte, der sich jedoch manches Husarenkunststück leistete. Weil die chilenische Regierung seine vielleicht übertriebenen Beuteansprüche nicht befriedigte, wartete er einen Augenblick der Panik ab, als die reichsten Führer der Revolution bei einem unerwarteten Vormarsch der Spanier ihr Hab und Gut auf den Kriegsschiffen „in Sicherheit“ brachten. „Kaum waren alle Schätze an Bord, da lichtete Cochrane die Segel und verschwand auf Nimmerwiedersehen nach Europa.

Mit solchen Kumpanen mußte San Martin arbeiten, als er in Peru gelandet war und nun hoffte, das Land würde sich erheben und ihm zujubeln. Er wäre in eine schwierige Lage gekommen, wenn nicht neue Revolutionen in Spanien selbst seine Gegner gelähmt hätten. Durch einen Militärputsch war dort eine liberale Regierung an die Macht gekommen, die sofort Verhandlungen in Amerika einleitete. San Martin glaubte, endlich seinen großen politischen Traum verwirklichen zu können, die Bildung eines ganz Spanisch-Südamerika umfassenden Königreichs mit einem König aus spanischem Blut an der Spitze, also etwa das, was das portugiesische Südamerika, Brasilien, für die nächsten sechs Jahrzehnte verwirklichen sollte.

Ohne Schwertstreich vermochte er in Lima einzuziehen und sich dort aus eigener Machtvollkommenheit zum Protektor ausrufen zu lassen. Da zog Chile sein Heer aus Peru zurück. Wieder stand San Martin vor der fast unlösbaren Aufgabe, ein Heer in einem fremden Lande aus dem Nichts zu schaffen. Es wurde vernichtend geschlagen, und der Kampf für die Freiheit in Peru schien gescheitert. Da nahte von Norden das kolumbianische Heer unter dem Befreier Simon Bolivar. Die beiden Vorkämpfer der südamerikanischen Unabhängigkeit standen sich in Guayaquil gegenüber: San Martin, der Soldat mit dem klaren, unbestechlichen Denken, der Mann der sorgfältigen Vorbereitung, der strenge Methodiker ohne persönlichen Ehrgeiz, und Bolivar, der Sohn des Marquis von Aragua, das politische Genie mit allen seinen Vorteilen und Fehlern, fesselnd, sprühend von Einfällen, mit dem großen, hinreißenden Schwung der Ideen. Von ihm ging die Kraft aus, die Verzagten mitzureißen, als alles verloren schien, und im Vertrauen auf diese Gabe hatte er gewagt und gewonnen, wo kühle rechnerische Vernunft Vorsicht und Verzicht geboten hätte. Aber häufig genug hat Bolivar durch sein ungestümes Vorgehen, durch seine Maßlosigkeit auch seine eigene Sache in Gefahr gebracht. San Martin bot die Unterordnung seines Heeres an. Das genügte Bolivar nicht. Er verlangte, daß der andere Peru verlassen sollte. San Martin gab nach, er begab sich nach Chile und schiffte sich von dort nach Europa ein. Er wollte nichts mit der Parteipolitik zu tun haben, die ihn anekelte, mit den Politikern, die er verachtete.

Der Befreier Chiles, der Mann, der die südamerikanische Unabhängigkeit mit begründete, ist dann einsam und verlassen am 17. August 1850 in Boulogne sur mer gestorben. Erst nach seinem Tode hat sein Vaterland anerkannt, was es seinem größten Sohn schuldete.