Salzburg, im August

Boris Blacher nennt seine „Romeo und Julian“-Komposition eine Kammeroper und läßt mitteilen, daß sie auch als Kantate oder Ballett aufgeführt werden kann. Von all diesen verschiedenen Möglichkeiten war etwas bei der Salzburger Wiedergabe zu spüren. Es war die erste szenische Aufführung des einstündigen, sehr geschickt gerafften, freilich in der Szenenfolge manchmal etwas abrupt wirkenden Stückes, und es war das erste Mal seit dem Kriege, daß ein deutscher Komponist zu Salzburger Festspielehren kam.

Josef fielen, der Wiener Burgtheaterdirektor und Regisseur mit dem klaren Kunstverstand und dem Willen, die Bühne mit allen Mitteln zu erneuern, war der rechte Mann, um dem, Werk, das bereits mehrfach konzertant zu hören war, die angemessene szenische Folie zu geben. Er entfaltete vor und hinter der schönen von Caspar Neher aufgeführten Renaissance-Fassade ein Spiel, das sowohl der Formenstrenge wie auch der spielerisch-kapriziösen Haltung der Musik vollkommen entsprach. Entsprechend dem Kunstwillen Blachers, dessen Figuren gleich Marionetten schemenhaft auftauchen und wieder abtreten – wobei der sehr wesentliche, mit einfachen, doch plastisch wirkenden „Sprech-Harmonien“ ausgestattete Chor als Künder der moralischen Sentenzen des Escalus und Lorenzo die Distanz noch vertieft –, wurde jedes „Rampenspiel“ und jede Opernnähe vermieden. Die Bühnenferne des Orchesters, das sich nur gelegentlich über die sparsamen Farbtupfen von Flöte, Fagott und Trompete erhebt, dann allerdings, wie in den Szenen der Feindschaft zwischen Capulets und Montagues, wieder zu furiosem, rhythmisch gehetztem Formelspiel angetrieben wird, fand ihren Ausgleich darin, daß der reiche, fein ziselierte Ausdruck des solistischen und chorischen Sprechgesangs umso klarer in seinem absoluten Schwergewicht für das ganze Werk erkennbar wurde. Das war vor allem dem Dirigenten Joseph Krips Zu danken, aber auch den hervorragenden Sängern, die der Gefühlsgebärde keine Abirrung in die Schablone des Opernaffekts gestatteten, War hier wirkliches Kammerspiel zu erleben, so kam dennoch auch die Kantate zur Geltung in den seitlich postierten, zeitweise als Gefolge auftretenden kleinen Chören; und das Ballett, von Erika Hanka choreographisch eindrucksvoll entwickelt, tat das Seine, um den visuellen Charakter der Blacherschen Musik – die geradezu tänzerisch in sich selbst ist – zu unterstreichen.

In beseelter Zurückhaltung sang die hervorragende Hilde Güden die zart-beschwörenden Melodielinien der Julia, während Richard Holm als Romeo, vorzüglich in der Diktion, vielleicht etwas zu vorsichtig Stimme gab. Episodisch fielen vor allem Hermann Uhde (Capulet) und Kurt Böhme (Benvolio) auf, die vorher mit Alfred Brittens „Raub der Lukrezia“ zu einem wahren Fest der Stimmen gestaltet hatten (eine ebenso phantasievolle wie opernrealistische Erstaufführung in Salzburg und damit in Österreich unter demselben Triumvirat Gielen-Neher-Krips).

Wie die Frage offen bleibt, ob es klug war, nach dem zweistündigen, übrigens pausenlos abgespielten Britten-Werk, das mit allen Effekten der Opernpraxis eine allerdings neuartige Illusion anstrebt, Blachers asketische Tonsprache auf der Bühne zu erproben, so ist auch Blachers bewundernswert konsequent durchgeführter Versuch selbst, seine Kunstästhetik gerade an diesem Shakespeare zu dokumentieren, nicht ohne weiteres einleuchtend. Jedenfalls aber hat die Salzburger Bühnengestalt des Werks, die wohl alle Wünsche des Komponisten erfüllte, den entscheidenden Beweis dafür erbracht, daß es möglich ist, mit sparsamsten musikalischen und darstelleraschen Mitteln auch auf der Bühne eindrucksvolle Wirkungen zu erzielen. Man muß sich rur in ihrem engen Raum zurechthören, wie man sich auch in die zarten Konturen einer japanischen Handzeichnung – Blachers musikalisches Formelspiel hat zur fernöstlichen Kunst manche Beziehung – hineinsehen muß. Der Komponist konnte sich mehrfach mit seinen Interpreten, zeigen. Hans Kult