Von Adolf Krise

Im weißen Rudertrikot, in der dazugehörigen kurzen Leinenhose, so stand er plötzlich vor mir. Ich kannte sein Gesicht nur von Zeitungsfotos: den meist wie zum Sprechen ansetzenden Mund, die kräftige, vorspringende Stirn, ein sehr fieies, dabei prüfendes Gesicht, das eher auf einen an frische Luft gewöhnten Arbeiter, der unter die Intellektuellen, als auf einen Intellektuellen schließen läßt, der unter die Arbeiter gegangen ist. Als ich um das Haus herumging, fand ich „In bei seinem Boot, das er gerade aus dem Schuppen zu manövrieren begann. Er stand mit im Rücken zu mir. Ich fragte ihn, ob dies das Haus von Herrn Plivier sei. Beileibe kein Landhaus, vielmehr ein etwas unübersichtlich in die Dorfmitte eingekeiltes Institutsgebäude einer Außenstelle der Freiburger Universität; er bewohnt den oberen Stock darin. Von dem davorliegenden einzigen Gasthof geht der Blick auf das breit hingezogene Überlingen-Panorama. Wallhausen ist vom anderen Ufer kaum zu erkennen: ein stiller, ja einer der wenigen noch wirklich verschwiegenen Bodenseewinkel, nur zu Fuß oder – drei, viermal am Tag – mit einem kleinen Fährboot zu erreichen, schon halb im Schatten des dichten, schwarzen Waldrückens, der sich von her, von Wasser eingefaßt, vier Stunden weit bis ans Ende des Überlinger Sees erstreckt.

In den zwei Jahren, seit Plivier sich, völlig unerwartet, von Weimar hierher zurückzog, kam er kaum dazu, sein „Idyll“ zu genießen. Reisen, Vorträge... Konstanz, die Schweiz sind nur einen Katzensprung entfernt. Er hat kein Sitzfleisch. Statt des Dichterschreibtisches ein kleiner schmaler Ecktisch, keine Manuskriptberge, keine Büchertürme, keine Briefpyramiden darauf. Auch keine romantischen Bäume vor dem Fenster, kaum ein klarer Durchblick. Aber das Zimmer ist hell, sachlich, ein Sommerprovisorium.

Die Fotos täuschten etwas. Ein jovialer, vielerfahrener, nur zeitweilig an Land gegangener Seebär, das ist mein erster Eindruck. Vital, robust, sehr beweglich, ein Mann, dem man trotz seiner achtundfünfzig Jahre ohne weiteres zutraut, daß er sich jederzeit nicht nur mit der Feder, auch mit handfester Arbeit durchschlagen kann. Ein Schuß gutmütige, inzwischen abgeklärte Skepsis. Einer seiner Vorfahren, erzählt er mit leisem Familienstolz, war Segelschiffkapitän; der Vater stammt aus Amsterdam; ursprünglich kommen die Pliviers vom Pas de Calais. Es war also kein Zufall, daß er, der gebürtige Berliner, mit siebzehn Jahren zur See ging. „Des Kaisers Kulis“, sein Erstling vor rund zwanzig Jahren, der, sofort in achtzehn Sprachen übersetzt, ihn mit einem Schlag zu einem Begriff machte, war mehr als ein Stück Programmliteratur. Er war sein eigenes Leben. Der revolutionäre Aktivist, als der er aus dem Krieg zurückgekommen war, begründete zunächst den „Verlag der Zwölf“. Sie waren eine Gruppe von dreihundert jungen Menschen und gaben Flugschriften heraus, immer 60 000 Stück auf einmal: „Hunger“ mit dem berühmten Blatt von Käthe Kollwitz wurde am bekanntesten. Nach der Liquidation des Verlages, dem für ihn, wie er es heute sieht, „radikalen Bruch“, fing er, 1925, zu schreiben an. Warum? „Ich suchte einen Ausdruck für mich selbst, für meine Weltanschauung.“ Literatur aus dem Impuls. An den ersten Versuchen, kleinen Erzählungen, Seemannsgeschichten („Zwölf Wann und der Kapitän“) hängt, scheint es, heute noch sein Herz. Wie ein Nachklang aus dieser Zeit wirken die beiden kurzen Romane „Haifische“ und „Im letzten Winkel der Erde“ nach seiner schon in den zwanziger Jahren entstandenen Komödie „Haifische“: atmosphärisch starke, leicht wehmütige Hafengeschichten aus Peru. Sie erschienen 1946 in Weimar und wurden in Rußland geschrieben, in der Emigration.

Elf Jahre hat Plivier in Rußland gelebt, zwei davon auf einem Dorf an der Wolga; aber er verweist mich, um sein heutiges abschließendes Urteil zu hören, auf die Rede, die er unlängst in Berlin auf dem „Kongreß für kulturelle Freiheit“ hielt; schließlich auf sein Vorwort zur Neuauflage seiner „Kulis“, die im Johannes-Asmus-Verlag in Konstanz erschien. Besonders dieses Vorwort, drei Seiten nur, ist ihm sehr wichtig. Er schrieb es bereits in Wallhausen, im März 1949. Die „Empörung“ bezeichnet er dort „als Ausdruck einer gesellschaftlichen Kraft“ und den „Widerstand gegen eine Regierung, die die fundamentalen Rechte ihrer Bürger mißachtet“, nicht nur als „ein Recht, sondern eine Pflicht gesellschaftlicher Selbsterhaltung“. Zum Schluß heißt es noch unmißverständlicher: „Wer das Joch der Knechtschaft willig trägt, ist ein Verräter an der Menschheit.“ Seine Gastgeber waren im übrigen, wie er nebenbei bemerkt, schon mit seinem großen „Stalingrad“-Roman nicht rundweg einverstanden. Das Buch wurde in beinahe alle Sprachen übersetzt, nur nicht ins Russische. Der Grund: die Rote Armee sei nicht heroisiert, sie trete überhaupt zu wenig in Erscheinung. Man hatte ihm alle Hilfsmittel gewährt, um sein Material zu sammeln: wochenlange Aufenthalte in russischen Kriegsgefangenenlagern, dazu Zehntausende von Briefen, Befehlen, Dokumenten jedweder Art, vor allem aber den unmittelbaren Kontakt mit den lebenden Menschen, den Überlebenden. Er schilderte indes nur die Tragödie, nicht auf der anderen Seite den Sieg. Sei es in Zolas „Débacle“ vielleicht anders, oder in Tolstois „Krieg und Frieden“? Schon während des Vormarsches der 6. Armee erkannte er, daß dies der Kulminations-, der Knotenpunkt des zweiten Weltkrieges würde, daß nur von dort die Aussage über diesen Krieg, die ihn schon lange bewegt habe, möglich sei. Er schrieb ein Jahr daran, mehr nicht, 1943 bis 1944.

Aus den Stalingradbriefen entstand noch ein schmaler Band Erzählungen: „Das gefrorene Herz“. Die literarisch bemerkenswerteste der kleineren, vorerst weniger beachteten Arbeiten ist die wie in einem einzigen Satz hinjagende, indes hundert Seiten starke Erzählung, der er den Titel „Eine deutsche Novelle“ gab. Der Plan zur „Schlacht vor Moskau“, einem weiteren größeren Kriegsbuch, blieb zunächst liegen. Statt dessen arbeitet der Dichter jetzt an einem Buch unter dem Stichwort: Ost- und Westzonen. Mit der „Ballade vom Frieden“, die der NWDR im September senden wird, will er auf die sowjetischen Friedensresolutionen von Paris, New York, Stockholm antworten. Über das alles spricht er sehr nüchtern, sachlich feststellend. Auch darüber, daß der geistige Arbeiter in der UdSSR einem strengen Kastensystem unterworfen sei, daß beispielsweise Schriftsteller keine Verbindung mit Malern oder Bildhauern haben, und schließlich: daß er nie Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen sei. Es liegt ihm nicht, Dinge, die für ihn selbstverständlich geworden zu sein scheinen, zu unterstreichen.