Die Produktionsziffern der Industrie Sowjetasiens und des Urals sind auf den ersten Blick imponierend. Nach dem vierten Fünfjahresplan werden in diesem Jahre (ohne die Mandschurei) 120 Mill. t Kohle, 8,8 Mill. t Roheisen, 13 Mill. t Stahl, 9 Mill. t Walzgut und 17,4 Mill. t Rohöl in jenen Gebieten produziert. Diese Ziffern entsprechen etwa der Hälfte der sowjetischen Gesamtproduktion. Kein anderes asiatisches Land hat heute eine Industrieerzeugung dieses Umfanges aufzuweisen. Auch Japan nicht, das nach dem Verlust des südmandschurischen Industriegebietes weit hinter dieser Produktion zurückbleibt. Trotzdem reicht die wirtschaftliche Kraft der Sowjetunion zur Beherrschung Asiens bei weitem nicht aus, denn der gewaltige Rüstungsbedarf des Sowjetstaates und die ständig wachsende innere Nachfrage schaffen eine Reihe von Engpässen: Zinn und einige seltene NE-Metalle müssen eingeführt werden, die Erzeugung von Stahl, Erdöl und Kautschuk ist, verglichen mit dem Bedarf, unzulänglich.

Ihren asiatischen Nachbarn gegenüber ist die Sowjetunion auch heute noch immer mehr der nehmende als der gebende Teil. Sie wird dies auch auf Jahre hinaus bleiben. Obschon mit dem Fortschritt der Fünfjahrespläne der sowjetische Export von industriellen Erzeugnissen nach den asiatischen Nachbarländern, der Türkei, dem Iran, Afghanistan, der Äußeren Mongolei und China erheblich gestiegen ist, bewegte sich das Handelsvolumen auf einem relativ bescheidenen Niveau,

Im Jahrzehnt 1928–1938 war zwar die sowjetische Handelsbilanz den asiatischen Nachbarländern gegenüber aktiv, der Gesamtumfang des Im- und Exports belief sich aber nur auf durchschnittlich 13 v. H. des Gesamtumsatzes. Auch nach Beendigung des zweiten Weltkrieges ist keine wesentliche Änderung eingetreten. Der Sowjetaußenhandel nahm lediglich einigen der traditionellen Handelspartnern gegenüber zu. Im Außenhandel des Iran stand die Sowjetunion noch 1947 im Export an erster und im Import an zweiter Stelle hinter den USA. Natürlich ist durch die wirtschaftliche Besitzergreifung der Mandschurei und Sinkiangs das sowjetische Wirtschaftspotential bei Eisen und Stahl, NE-Metallen und Rohöl sowie Lebensmitteln (vor allem Sojabohnen!) wesentlich erhöht worden.

Wie gering jedoch die Kraft der sowjetischen Außenwirtschaft im Verhältnis zur USA ist, wurde sehr deutlich an der Anleihe für Rotchina, die auf 300 Mill. $ begrenzt wurde. Dieser Betrag in Raten auf fünf Jahre verteilt, vermag natürlich den riesigen Industrialisierungsbedarf jenes großen Landes auch nicht im entferntesten zu befriedigen. Die ökonomische Expansion der Sowjets in Asien mit militärisch politischen Machtmitteln ist in erster Linie abgestellt auf die Erringung einseitiger wirtschaftlicher Vorteile zugunsten der eigenen Volkswirtschaft. Das Schwergewicht des Handelsverkehrs der Sowjetunion mit Asien liegt ja gerade darin, daß sie in steigendem Maße an die Ausbeutung und Verwertung der Bodenschätze derjenigen Nachbarländer geht, die sie beherrschen kann. Aus den übrigen, ihrem Druck nicht so stark unterworfenen Gebieten wie Afghanistan, Persien und der Türkei versucht sie mit viel Geschick ein Maximum an Lebensmitteln und tierischen Erzeugnissen zu ziehen. Mit den räumlich entfernteren asiatischen Ländern, wie etwa Pakistan, Indien, Burma und Ceylon ist der sowjetische Handelsverkehr mehr als bescheiden.

Die Nachbarländer verfügten bisher bis auf die Mandschurei und in bedingtem Maße die Türkei über kein ausgebautes Verkehrsnetz. In den letzten anderthalb Jahrzehnten ist allerdings insofern eine verkehrsmäßige Erleichterung eingetreten, als die Sowjetunion eine Reihe von großen Transitstraßen und Eisenbahnstrecken bis an die Grenzen der Nachbarländer herangeführt hat. Teilweise konnte sie bereits Anschlüsse auf deren Gebiet durch Eisenbahnlinien (Mongolei) oder Straßen (Sinkiang, Nordiran und Mongolei) schaffen. Bis auf die wenigen Fluglinien, über Sinkiang nach dem Innern vor China oder nach Kabul oder Teheran, fehlt es aber an großen, durchgehenden Verkehrsverbindungen, Aus diesem Grunde und wegen der Unwegsamkeit der großen Gebirgszüge und wüstenartigen Gebiete ist eine wirtschaftliche Expansion nach dem Süden und Südosten Asiens einstweilen unmöglich; denn auch als Seemacht vermag die Sowjetunion nicht mit den USA, Großbritannien und anderen westeuropäischen Ländern als Lieferant Süd- und Südostasiens zu konkurrieren. Fast ebenso bescheiden wie ihr Anteil am Welthandel – der sich nur auf wenige Prozent beläuft – ist ihr Anteil an der Welttonnage. Dieser betrug 1939 nur 1,98 v. H. und 1948 rund 2 v. H., so daß die Sowjetunion mit ihrer Handelstonnage an neunter Stelle hinter den USA, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Holland, Frankreich, Panama und Italien steht.

Zu einer erhöhten Exportkapazität aber reicht das Industriepotential der Sowjetunion im Vergleich zu der stärksten Industriemacht der Welt, den USA, bei weitem nicht aus: im Durchschnitt betragen die Produktionsziffern der wichtigsten Grundindustrien der UdSSR nur ein Drittel bis ein Zehntel der entsprechenden Erzeugung in den Vereinigten Staaten! So ist die Kohlenproduktion in den USA gegenwärtig doppelt so groß wie die der Sowjetunion, die sowjetische Rohölgewinnung beträgt etwa ein Siebentel der nordamerikanischen, die Erzeugung von Roheisen und Stahl nicht einmal ein Drittel, die Produktion von elektrischem Strom nur etwa ein Fünftel und die der Kraftwagen sogar nur ein Siebzehntel der auf 8,5 Mill. Stück für 1950 geschätzten US-Produktion.

Nein, die wirtschaftliche Kraft der Sowjetunion, ihre Industrie- und Exportkapazität vermögen in keiner Weise mit derjenigen der Westmächte, in Asien zu konkurrieren. Der Machtkampf um den asiatischen Kontinent wird letzten Endes ausschließlich auf militärischem und politischem Gebiet entschieden. N. Eck