In unserer bildmäßigen Vorstellung von der

antiken Geschichte ist noch manche Lücke zu schließen. Wir besitzen zwar eine sehr lebendige Überlieferung von den dominierenden Gestalten des Altertums, aber unsere Kenntnis von ihrem Aussehen ist nur sehr bescheiden. Der Wunsch, in ihrer Physiognomie eine Spiegelung und Bestätigung ihrer beherrschenden Charakterzüge zu erhalten, scheiterte bislang an der unsicheren Identifizierung einer großen Zahl mehr oder weniger gut erhaltener Porträtskulpturen. Die Quellenforschung würde uns in dieser Hinsicht manche Auskunft schuldig bleiben, besäßen wir nicht in den Münzbildnissen eine Denkmälergruppe von dokumentarischem Wert.

Es ist der Numismatik oft verargt worden, daß sie sich als Teilgebiet sowohl der Archäologie wie auch der Kunstwissenschaft allzusehr verselbstänligt hat. Aber schon am Beispiel der frühen Bildnisforschung wird deutlich, daß diese Sonderteilung nicht grundlos ist. Denn in diesem höchst unsicheren Gelände vermag nur sie mit methodicher Exaktheit die ersten Entwicklungsphasen Eines bedeutenden Zweiges der abendländischen Kunst freizulegen.

Schon unter dieser wissenschaftlichen Perspektive gewinnt das Buch von Kurt Lange: Chaakterköpfe der Weltgeschichte, Münzbildnisse aus zwei Jahrtausenden (mit 88 Abbildungen; ’iper-Verlag, München) grundlegende Bedeutung, Zeitlich umfaßt es die Entwicklung des Münzbildnisses von den frühesten Anfängen bis in das ünfzehnte Jahrhundert unserer Zeitrechnung, und nur die souveräne Kennerschaft des Verassers macht eine so gewagte Zusammenfassung der Materie möglich. Besonders eingehend beandelt sind die griechischen und römischen Präungen, die weit mehr als die späterer Jahranderte vorzugsweise ein Mittel der staatlichen epräsentation und daher von besonderem Urundwert sind. Man folgt dem Verfasser gern in er Analyse der feinen Unterschiede des künstrischen Temperaments zwischen der griechischen, mischen und mittelalterlichen Münzglyptik, in er sich die jeweilige Einstellung gegenüber der Sttlichen und staatlichen Funktion des Herrhers spiegelt. Selbst die Anfänge der bildnisetreuen Wiedergabe in der Zeit Alexander des roßen und seiner Nachfolge vermögen den griechischen Hang zur Idealisierung nie ganz zu erdecken, während sich die nüchterne Staatsauffassung Roms selbst in Zeiten des Verfalls imer wieder in der Darstellung des Persönlichkeitswertes ausweist. Demgegenüber bleibt das Münzbildnis des hohen Mittelalters wie alle Kunst dieser Zeit ein Symbol, „ein hohes Zeichen, Gestalt gewordener Begriff und Niederschlag eines geistigen Zustandes, demgegenüber sein gegenständlicher Bericht nur bescheidenes Gewicht hat“.

In meisterhafter Sprache und mit spannender Anschaulichkeit zeichnet Lange die verschiedenen Lebensbilder und schält aus den dargestellten Physiognomien die meist tragisch-menschliche Grundsubstanz heraus, die Tun und Handeln der weltbewegenden-Persönlichkeiten schicksalhaft bestimmte. Dazu kommt eine zwar nicht ausgesprochene, aber zwischen den Zeilen deutlich fühlbare Gegenwartsbezogenheit. Und es taucht die Frage auf nach dem Umfang des menschlichen Gehaltes innerhalb der Gesamterscheinung dessen, was wir gemeinhin „geschichtliche Größe“ nennen. „Wie offenbart sich geschichtliche Größe und welcher Maßstab ist zulänglich? Ist Größe überhaupt ein Kennzeichen der wahrhaft geschichtlichen Persönlichkeit?“ Die Antwort des Verfassers ist zugleich ein zwischen Kritik und Resignation schwankendes Werturteil über unser Geschichtsbild, wenn er sagt: „Im Sinne sittlicher Bescheidung gewiß nicht!“ Und als Beispiele für viele verweist er unter Anführung ihrer Münzporträts auf die Einsamkeit der verehrungswürdigen Gestalten eines Antoninus oder Marc-Aurel am weltgeschichtlichen Horizont, die einander im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in der römischen Weltherrschaft ablösten. Demgegenüber wurde eine allem Menschlichen abgewandte Tyrannis oft von einer verklärenden Geschichtsschreibung – wörtlich oder umschrieben, bewundernd oder verabscheuend – mit dem Prädikat der Größe oder doch zum mindedem des Außergewöhnlichen ausgezeichnet. Mit der vorsichtig tastenden Frage, ob „neue Mit standsformen des Menschlichen auch solcher Wegbereiter bedürfen“, wird schließlich der neuralgische Punkt auch unserer Zeit berührt. Die Frage bleibt, da wir ja selbst noch in Mitleiden-Frage gezogen sind, zunächst akademisch. Aber die besonnene sind, über solche Probleme zu sprechen, regt vielleicht dazu an, die Übersprechen, unseres Geschichtsbildes endlich Überaus dem unseres der politischen Debatte zu lösen und dem exakten Wissenschaft anzuvertrauen, wohin sie eigentlich schon seit den Zeiten Jacob Burckhards gehört.

Auch in dieser Richtung gibt Langes Arbeit wertvolle Anregung. Joachim Gerhardt