Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Jugoslawien haben seit den ersten Augusttagen einen neuen Höhepunkt erreicht. Auf dem Belgrader freien Markt werden für Lebensmittel bislang unerreichte Rekordpreise gefordert (45 Dinar für ein Kilogramm Kartoffeln). Manche Preise sind doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Mehrere Ursachen haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Zu dem Rückgang der Anbauflächen, gegen den die Regierung hart, aber erfolglos gekämpft hat, treten infolge der Trockenheit verringerte Hektarerträge. Die Lebensmittelexporte, welche die Regierung in mehreren Handelsverträgen vereinbart hat, um die dringlichst benötigten Maschinen und Ersatzteile zu bekommen, gehen weit über die geschwächte Produktionskraft des Landes hinaus. Dies trifft ganz besonders auf die Exporte nach Deutschland zu, was durch einen Vergleich mit dem Vorkriegshandel Jugoslawiens leicht vorauszusehen war (siehe „Die Zeit“ Nr. 25 vom 22. Juni 1950). Die Neigung der Bauern, ihre Produkte zu den vorgeschriebenen niedrigen Preisen abzuliefern, ist auf einem Tiefstand angekommen, ja, in den letzten Monaten ist es in Kroatien mehrfach zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Gendarmerie gekommen, die die Ablieferung erzwingen wollte. Zu allem, übrigen werden, nach einer Erklärung des Planungsministers Kidritsch, demnächst sowohl die Manipulationskredite wie alle anderen Devisenreserven erschöpft sein.

Die Offenheit, mit der die Tito-Beamten darüber in Belgrad Auskunft geben, deutet darauf hin, daß die Regierung einen neuen Versuch machen will, eine amerikanische Anleihe oder wenigstens einen Überbrückungskredit zu erlangen. Aber was sollte ein solcher Kredit überbrücken? Das Heilmittel für die jugoslawische Wirtschaft liegt nicht in Krediten, die in ein Faß ohne Boden gegossen werden, sondern in eigenen Anstrengungen. Diese aber können nicht darin bestehen, eine Schwerindustrie aufzubauen, die vielleicht in fünf Jahren anfangen könnte, nützlich zu sein, sondern darin, Konsumgüter und Lebensmittel zu erzeugen. So wird sich Tito wohl entschließen müssen, eine „neue ökonomische Politik“ zu machen. Wie seinerzeit Lenin, sein großes Vorbild... H. A.