Die Rektoren der Universitäten im Bundesgebiet halten an dem Tübinger Beschluß fest, der das Mensurfechten und das Farbentragen ablehnt, erklärte kürzlich auf der Rektorenkonferenz in Bonn der Prorektor der Bonner Universität. Als Grund dafür nannte der Bonner Prorektor das Verantwortungsgefühl für die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens. W. H. Bonn, im August

Als der Fremde am Bonner Hauptbahnhof in die Godesberger Straßenbahn eingestiegen war, nahm er sein Gegenüber, einen vornehmen jungen Mann, wahr. Der Fremde, den jungen Herrn sehend, lächelte ein wenig für sich, denn er bemerkte auf der linken Backe des vielleicht Zweiundzwanzigjährigen einen frischen, nur mäßig vernarbten Durchziehet.

Es gibt sie also auch in der Bundeshauptstadt wieder, die schlagenden Korporationen, obwohl unser Bonn-Besucher des Glaubens war, sie seien heute ein Anachronismus. Man hatte ihm außerdem erzählt, daß am einstigen Haus der Bonner „Borussen“ das Schild zu lesen sei: Städtisches Wohlfahrtsamt. Der Besucher erfuhr noch mehr. Daß nämlich von 6455 immatrikulierten Bonner Studenten, ausschließlich der Gasthörer, 2160 den neuen studentischen Verbindungen angehörten, jeder dritte Student also der alten beziehungsweise neuen Burschenherrlichkeit wieder seinen Zoll darbringe.

In Bonn sind durch SenatsbeSchluß der Universität wieder sieben; studentische Korporationen zugelassen, einschließlich der Fachschaften. Davon gehören siebenunddreißig der Katholischen Studentengemeinschaft (KV, CV, UV und so weiter) an. Das Farbentragen in der Öffentlichkeit und das Austragen von Mensuren sind verboten, aber so sehr genau läßt sich das wohl nicht immer unter Kontrolle halten. Kürzlich wurde auch jenes Korps „Borussia“ in Bonn wieder zugelassen, allerdings mit nur neun Mann Aktivität Es wird kaum zu vermuten sein, daß es Studenten aus dem Poppelsdorf Studentenbunker sind, der immer noch existiert. In den ersten Nachkriegsjahren hatte man einen neuen Typus des Studenten zu erkennen geglaubt, denn schließlich war doch sichtbar eine radikale geistige Umwälzung vor sich gegangen und jeden ein neuer Lebensstil aufgezwungen worden, Niemand schien wieder Lust zu Paukboden und Kneipjacke, Cerevis und Burschenband zu haben. Die heitere Lässigkeit einstigen Studentenlebens, der Übermut und der Ernst der akademischen Freiheit waren einer verbissenen Emsigkeit gewichen. Jetzt trifft man auf den Rheinterrassen wieder Chöre von Brummbässen, die mit Schmollis und In-die-Kanne-Steigen schon wieder ganz hübsch Carmen Sylvas Lied zelebrieren können: „Ach, wie studierten wir so gar fleißig jus! Bonn, Bonn, es liegt an dir, daß man bummeln muß!“

„Ach“, sagte der Oberstadtdirektor von Bonn, „warum sollten die Studenten nicht wieder ihre „Tönnchen“ und Fahnen tragen dürfen, wenn es jeder Handwerkerzunft, jedem Schützen-, Gesellen- und Gesangverein erlaubt ist.“

Der Bundespräsident Professor Heuss aber sagte kürzlich dies: Er möchte wissen, was sich so ein junger Mann denke, der mit frischen Schmissen zwischen Ruinen und Flüchtlingen umherlaufe. Das möchte er gerne wissen.