Daß die deutsche Geschichtsschreibung keine großen Perspektiven mehr habe (von einem Historiker wie Friedrich Meinecke einmal abgesehen), daß sie sich in nationalen Grenzen bewege, absolutistischen Ideen bis heute noch verhaftet sei und, wenn man es böse ausdrückt, eigentlich einen provinziellen – Charakter trägt, ist das Ergebnis einer Deduktion der gegenwärtigen deutschen Historiographie, die Johann Albrecht von Rantzau, Historiker an der Universität Hamburg, in einem Aufsatz vornimmt, der den Titel trägt: „Individualitätsprinzip, Staatsverherrlichung und deutsche Geschichtsschreibung“ (im Mai-Heft der Zeitschrift „Die Sammlung“). Dieser Aufsatz, in den einzelnen Formulierungen und Ergebnissen vielleicht anfechtbar, ist als Ganzes jedoch von jener Aktualität, die schon gestern auf den Nägeln brannte und auch heute und morgen noch nicht abgetan sein wird. Seine Lektüre wird deshalb dringlicher als die manches dickleibigen politischen Buches, und es ist nicht verwunderlich, daß die Arbeit Rantzaus auch in der ausländischen Presse beachtet wurde. Denn gerade das Ausland wird aufmerksam, wenn ein deutscher Gelehrter zwei Fragen auf wirft: Wie soll man eigentlich Geschichte treiben? und: Wie treiben die Deutschen sie?

„Der Kern des Problems“, sagt Rantzau, „ist die Blickrichtung der deutschen Historiographie ... Nach wie vor ist es der Staat, der souveräne Machtstaat, der die Vorstellung ausfüllt. Nach keiner Seite ist hier eine Ausweitung des Blickfeldes festzustellen.“ Und er fährt fort: „Man denkt bei uns weder genügend soziologisch, noch genügend universal, um ein zureichend historisch politisches Weltbild gewinnen zu können.“ Rantzau fragt: Warum haben wir Deutschen – wiederum Meinecke ausgenommen – keinen Historiker mehr vom Format eines Toynbee oder Ortega y Gasset? Und er antwortet: Weil die Grundlagen für die deutsche Geschichtswissenschaft bis heute die in der Romantik herangebildeten Begriffe einer staatlichen und nationalen Eigenart geblieben sind. So verharren die deutschen Historiker im immanenten Raum des eigenen Volkes, dessen Individualität sie zu geschichtsmächtig einschätzen.

Als Beispiel solchen „konservativen und nationalen Staatsdenkens“ führt der Verfasser das Werk des Freiburger Historikers Gerhard Ritter an. Ritter hatte sich 1947 in seiner Schrift „Europa und die deutsche Frage“ eingehend mit der vergangenen Katastrophe beschäftigt und ihre Gründe aufzuzeigen versucht. Dabei hatte er sich bemüht, die deutsche Staatsauffassung des 19. Jahrhunderts gegen die Staatsauffassung des Westens zu verteidigen. Dann ergab sich für den Freiburger Geisteswissenschaftler freilich ein Dualismus zwischen einer „wertvollen“ deutschen Staatsauffassung bis zur Reichsgründung Bismarcks und Bismarcks Kanzlerschaft und den – zeitlich nun doch einmal auf diese Glanzzeit folgenden – wilhelminischen, weimarischen und nationalsozialistischen Epochen, die Ritter, selbst ein Widerstandskämpfer des 20. Juli, natürlich, ablehnt. Den nationalen Chauvinismus des Faschismus versucht der Verfasser nun der westlichen Staatsform – nämlich der aus der französischen Revolution entstandenen „Massendemokratie“ – in die Schuhe zu schieben, und eben diese Auffassung ist es, gegen die Rantzau polemisiert. Nach Rantzaus Ansicht ist eine Verschmelzung von Volks- und Monarchensouveränität eine bloße Fiktion: „Für den Westen, gibt es nur Souveränität des Monarchen oder Souveränität des Volkes, für tiftlige Versuche, das Unvereinbare zu vereinen, beweist er zum Heile seines Staatslebens keinen Sinn.“ – Was soll denn auch, so fragt Rantzau, eine solche Vereinigung eigentlich sein? Eine absolute Monarchie oder der Despotismus des Volkes jedenfalls nicht – was aber dann? – „Offensichtlich ist es... der alte deutsche Obrigkeit- und Beamtenstaat, von dem Ritter sich nicht zu lösen vermag und den er zweifellos zur Genugtuung zahlreicher gebildeter Deutscher auch heute noch rechtfertigen möchte ...“ Dieser Staat aber ist heute nicht mehr lebensfähig. Er hat nur zum Nationalismus geführt, wobei Rantzau sehr fein zwischen einem deutschen und slawischen Nationalismus auf der einen und der westlichen Nationalidee auf der anderen Seite unterscheidet. Der deutsche Nationalismus entstammt ebenfalls der Romantik: er ist volles- und sprachgebunden und führt daher leicht zum „biologischen Überlegenheitsanspruch“. Die westliche Nationalidee dagegen ist nach Rantzaus Meinung „auf dem innerpolitischen Begriff der Volkssouveränität“ gegründet. Und noch einen schärferen Vorwurf erhebt Rantzau gegen Ritter und damit gegen die gesamte gegenwärtige deutsche Geschichtsschreibung: Ritter habe den deutschen Nihilismus, der seit Nietzsche so entscheidend für das soziale und politische Leben Deutschlands geworden sei, übersehen: „Das Vorhersehen an dieser ebenso furchtbaren wie mächtigen modernen Erscheinung ... führt vor Augen, daß allzu unphilosophisch auch der politische Historiker nicht verfahren darf.“

Daß es sich hier um mehr als um eine Auseinandersetzung zwischen dem Verfasser und dem Freiburger Historiker Ritter handelt, liegt auf der Hand. Ebenso ersichtlich sind aber auch die Mängel der glänzend geführten Fehde Rantzaus gegen die gegenwärtige deutsche Geschichtsschreibung. So vorzüglich die Demontage des nationalen Lebensbezugs unserer Geschichtsschreibung vom Verfasser durchgeführt ist, so vage sind die konstruktiven Änderungsvorschläge, die nun freilich auch nicht mehr Thema der Arbeit waren. Wie die neue deutsche Geschichtsschreibung, die ja schließlich jedem politisch Interessierten am Herzen liegt, denn in Zukunft arbeiten soll – das zu erfahren von dem Verfasser, der in so scharfsinniger Weise die Schwäche der Alten aufgezeigt hat, wäre wünschenswert. P. H.