Die Bundesrepublik hat auch einen Verkehrsminister, und das ist gut so, denn er kümmert sich um all die vielen Fragen der Schiene und der Straße und der Schiffahrt... Dabei reitet er zwei Steckenpferde. Eines davon ist die Luft –, denn er möchte Westdeutschland sehr gern um einen eigenen Luftverkehr bereichern. Nur die Frage, wer das schon jetzt auszurechnende Defizit dieses westdeutschen „Kurzstrecken-Luftverkehrs“ beseitigen soll, hält ihn anscheinend von weiteren Schritten ab. Das andere Steckenpferd aber ist die Bundesbahn.

Schon längst weiß man es auch in nicht direkt beteiligten Kreisen, daß die Eingriffe von Dr. Seebohm in die Tagesarbeit der Bundesbahn ständig zunehmen. Sein Betätigungsfeld liegt in der Hauptsache in Niedersachsen. Wenn dort seine (politischen) Freunde mit einem Beamten der Bundesbahn unzufrieden sind – natürlich stellt es sich hinterher meist als übertrieben heraus –, haben sie sehr schnell den Bundesverkehrsminister in Bonn unterrichtet.

Von einer neuen „Leistung“ des Ministers erfuhr man dieser Tage auf einer Pressekonferenz, die er selber abhielt. Stolz berichtete er über zwei Ferngespräche mit einem Inspektor der Bundesbahn in Niedersachsen, der von ihm persönlich „zur Raison“ gebracht werden mußte, nachdem ein Bundesbahn-Kunde den Minister unmittelbar verständigt hatte, daß sich der Inspektor „überheblich und nicht genügend kaufmännisch“ benehmen würde. In diesem Zusammenhang erinnert man sich der Tatsache, daß eines Tages in Eystrup – nichts Unfreundliches gegen Eystrup, aber es ist nun mal ein Städtchen mit nur 2500 Seelen und ohne besondere industrielle Bedeutung, abgesehen von seiner Senffabrik – auf „höchsten Wunsch“ D-Zug-Halte eingelegt wurden. Daß dies wenige Tage vor einer Wahlrede des Herrn Ministers geschah, die er dort zu halten hatte, macht die Angelegenheit wohl hinlängst klar. Oder etwa nicht?

Uns aber scheint, daß die Aufgaben, die ein Bundesverkehrsminister zu bewältigen hat, etwas verkehrt verstanden werden. Eigentlich sollte seine Arbeitskraft kostbarer sein, und die Liebhaberei der Beschäftigung mit unteren Dienststellen wirkt zunehmend peinlich. Die Tätigkeit sollte Dr. Seebohm den zuständigen Dienststellen der Bundesbahn überlassen. Dort ist diese Arbeit in guten Händen, soviel man weiß.

Einen unangenehmen Nachgeschmack hinterließ auf der erwähnten Pressekonferenz aber der Versuch des Ministers, durch zwielichtige Redensarten die Arbeit führender Persönlichkeiten der Bundesbahn in Mißkredit zu bringen. Er sollte eigentlich wissen, daß solche Darstellungen (nicht nur in den Kreisen der deutschen Wirtschaft) als unfair abgelehnt werden. Wenn der Minister in einem solchen Zusammenhang davon sprach, daß man es entweder mit „Autokraten“, oder aber mit „Flaschen“ zu tun habe, gleichzeitig aber mit einem entsprechenden Zungenschlag ein Urteil über die gegenwärtige Besetzung der deutschen Bundesbahn abzugeben ablehnte, so ist damit nach allgemeiner Auffassung wohl die äußerste Grenze überschritten, die im Sprachgebrauch auf einer Regierungsebene noch denkbar ist. Das „Publikum“ – und noch weniger die Eisenbahner – können bei einem solchen Verhalten wohl kaum die Überzeugung gewinnen, daß die ministerielle Betreuung unserer Bundesbahn in den richtigen Händen liegt. W.