Die erste deutsche Nachkriegs-Funkausstellung überrascht nicht nur mit den Neukonstruktionen der westdeutschen Radio-Industrie, auch die Schallplatten-Industrie nimmt diese Ausstellung zum Anlaß, eine besondere Neuheit zu starten. Sie räumt dabei mit dem 50 Jahre alten Vorurteil auf, daß eine Schallplatte von 25 cm Durchmesser maximal nur 3 Minuten und 40 Sekunden spielen kann. Diese Spieldauer hatte technische Ursachen. Sie schienen bisher eine unabänderliche Tatsache zu sein, weil man es für unmöglich hielt, die Schallrillen enger als bisher einzuzeichnen.

An dieser Frage wurde jedoch mehr als ein Jahrzehnt intensiv gearbeitet. Seit 1948 hat man bereits in den USA Langspielplatten; hier verfügt die 30-cm-Platte über eine Spieldauer von fast 17 Minuten. Aber leider muß der Käufer einer solchen Platte zugleich einen neuen Plattenspieler haben. Diesen Luxus konnte man sich in Deutschland nicht leisten. In einer interessanten Duplizität von Forschungsergebnissen hat jetzt die Deutsche Grammophon-G. m. b. H., Hannover, nach Bekanntgabe des „Füllsdirift-Verfahrens“ durch den Hamburger Physiker Eduard Rhein, über das wir in Nr. 30 berichteten, das Geheimnis ihrer zehnjährigen Vorarbeit gelüftet. Es ist dem Unternehmen, das 1898 gegründet wurde und die älteste Schallplattenfabrik Deutschlands darstellt, gelungen, eine völlig neuartige Langspielplatte herauszubringen, die als 30-cm-Platte bei einer Spielzeit von neun Minuten auf jedem vorhandenen Plattenspieler abgespielt werden kann. Das Geheimnis dieses Erfolges liege – ähnlich wie bei dem Rheinschen Verfahren – in dem veränderlichen Rillenabstand, den eine „denkende“ Aufnahmeanlage völlig automatisch und erheblich platzsparend steuert.

Mit dieser Langspielplatte wird es endlich möglich, auch längere klassische Musikstücke unter Vermeidung der bisher notwendigen Unterbrechungen abzuspielen. Konzerte, die auf vier Plattenseiten von zwei Schallplatten untergebracht werden mußten und einen dreimaligen Plattenwechsel nötig machten, können nun mit nur einem Wechsel einer Langspielplatte dargeboten werden. Jetzt hat sich nicht mehr die Musik nach dem Diktat der Technik zu richten, sondern die Technik kann sinnvoll in den Dienst der Musik gestellt werden. Mit dem Vorteil des ungestönen musikalischen Genusses ist zugleich eine erhebliche Verbilligung der Plattenanschaffung (infolge der geringeren Zahl) verbunden.

Zunächst wird die Deutsche Grammophon G. m. b. H. die neue Technik nur auf dem Ge! bin der klassischen Musik anwenden, deren Förderung sie sich zur besonderen Aufgabe gemacht hat. Diese kulturelle Leistung fällt der Deutschen Grammophon-G. m. b. H. allerdings nicht allzu schwer, da sie von ihren Zweigunternehmen Brunswick und Polydor – den Vertreterinnen leichter Unterhaltungs- und Tanzmusik – finanziell bestens unterstützt wird. Noch hat der Umsatz an Schallplatten in Deutschland nicht wieder die Vorkriegshöhe erreicht. Während in Amerika im Durchschnitt jeder Einwohner je Jahr zwei Schallplatten ersteht und in Dänemark auf zwei Einwohner je Jahr eine Schallplatte umgesetzt wird, wurde in Westdeutschland 1949 kaum von jedem siebenten Einwohner eine Schallplatte gekauft. Es kann jedoch erwartet werden, daß die neuen Langspielplatten neben der Belebung des Inlandgeschäftes auch eine Verstärkung des deutschen Schallplatten-Exports ergeben, zumal gerade im Ausland Schallplatten mit klassischer Musik sehr gefragt sind. Bisher ist der Export allerdings mehr als bescheiden; er wird sich 1950 nur auf 10 v. H. der Gesamtproduktion belaufen, während er 1938 mit 2,5 Mill. Stück immerhin 35 v. H. der deutschen Produktion erreicht hatte. ww.